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Bedrohung der Vielfalt auf dem Teller


Die aktuell diskutierte EU-Saatgutverordnung soll verschiedene Richtlinien für den Verkauf von Saatgut zusammenfassen und europaweit harmonisieren. Geplant sind teure Testverfahren – alte und seltene Gemüse- und Obstsorten würden damit von Weitergabe und Anbau ausgeschlossen. Somit bestimmten die Agrarkonzerne, was angebaut werden darf und auf unsere Teller kommt.

Widerstand mit Wirkung

Durch den Widerstand in der Bevölkerung, die Petitionen der Umweltverbände und nicht zuletzt die öffentliche Darstellung durch einige österreichische Spitzenköche, haben nun auch EU-Abgeordnete die Saatgutverordnung gänzlich abgelehnt. Eine Zurückweisung des Entwurfes an die EU-Kommission würde bedeuten, dass dieser komplett überarbeitet werden muss.

Wir haben den Spitzenkoch Heinz Reitbauer in seinem Wiener Restaurant Steirereck zum Thema befragt.

Die Petition Freiheit für die Vielfalt unterstützen

Nach dem derzeitigen Fahrplan soll der Agrarausschuss Anfang Februar 2014 über die Verordnung abstimmen. Eine Zurückweisung des Vorschlags an die Kommission hätte zur Folge, dass ein neuer Entwurf des Saat- und Pflanzgutverkehrsrechts nicht vor der EU-Wahl vorgelegt werden wird.

Um den Widerstand weiter zu stärken, solltet Ihr die Online-Petition von Global2000 hier unterschreiben! Danke.

Die Vielfalt des Saatguts

Brief von Heinz Reitbauer an seine Kollegen


Lieber ……,

Ich schreibe Dir diese Zeilen, um Dir eine Herzensangelegenheit meinerseits und von vielen österreichischen Kollegen zu übermitteln.

Wie Du wahrscheinlich schon weisst, wird im nächsten Jahr im EU-Parlament über die neue EU-Saatgutverordnung abgestimmt. Sie stellt – unserer Meinung nach – eine große Gefahr für die regionalen Identitäten der europäischen Küchen dar!

Denn diese Verordnung wird künftig massiv beeinflussen, welche Nutzpflanzen angebaut werden können. In ihrer aktuellen Form bedroht die Verordnung besonders die Zucht und den Vertrieb des Saatguts von seltenen und alten Nutzpflanzen (Gemüse, Obst, Beeren, Getreide, etc.). In Österreich werden diese meist von kleinen Bauern und spezialisierten Gärtnereien angebaut. Auch aus diesem Grund stellen sie einen wichtigen Teil der kulinarischen Kultur und Vielfalt dar.

Die neue Saatgutverordnung sieht eine verpflichtende Registrierung jeder einzelnen Sorte vor. Das verursacht vor allem für kleine Produzenten einen hohen administrativen und finanziellen Aufwand. Die geplanten Ausnahmen in der Verordnung sind leider bei weitem nicht ausreichend, um die Gefahr für die Biodiversität Europas abzuwenden.

Es soll den Produzenten dann sogar verboten werden, den Samen von nicht registrierten Sorten ohne bürokratische Auflagen an andere Produzenten weiterzugeben. Die daraus resultierenden Konsequenzen für die Zukunft der Lebensmittelproduktion in Europa wie auch für die regionale Gastronomie sind noch gar nicht abschätzbar.

Die österreichische Umweltorganisation „Global 2000“ und die Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt „Arche Noah“ haben gemeinsam die Petition „Freiheit für die Vielfalt“ gestartet, welche in Österreich bereits fast 300.000 Menschen unterzeichnet haben. Auch auf Grund dieser Bewegung wurde dem österreichischen Landwirtschaftsminister der Auftrag durch den Nationalrat erteilt, sich in Brüssel für die Vielfalt einzusetzen.

Die österreichischen Köche haben bei einem „Koch.Campus“ (www.kochcampus.at) gemeinsam beschlossen, sich auch für die Raritäten der Natur und deren Verwendung einzusetzen. In einem Manifesto für die Vielfalt werden die Köche und Gastronomen die eigene mediale Präsenz nutzen, um dieses so wichtige Thema in der Öffentlichkeit immer wieder auf den „Tisch“ zu bringen.

Wir protestieren gegen diesen Verordnungsentwurf und fordern unsere Politiker auf, zusammen mit den Bürgern – ob Bauer, Gärtner, Wissenschaftler, Unternehmer, Sortenerhalter, Saatgutvermehrer oder Köche – den Umgang mit der Grundlage von Ernährung, Geschmack und Gesundheit, zum Vorteil unserer und der nächsten Generationen vielfaltsorientiert und unabhängig von der Saatgut-Lobby in Brüssel zu gestalten.

Als Köche mit medialem Zugang haben wir eine gemeinsame Verantwortung uns für die Erhaltung dieser Vielfalt aktiv einzusetzen und mit einem gemeinsamen Schulterschluss ein öffentliches Licht auf diesen Angriff unserer Menschenrechte zu lenken.

Wir Köche wissen, wie abhängig wir von einzigartigen Produkten und Geschmäckern sind und es drängt die Zeit. Im April 2014 soll dieser Verordnungsentwurf im Europäischen Parlament zur Abstimmung gebracht werden. Aus den momentan bestehenden 12 EU-Richtlinien wird nun eine EU-Verordnung. Dies bedeutet auch, dass es bei der Umsetzung keine nationalen Spielräume mehr geben wird.

Mit der Bitte um Nachsicht für die polarisierenden Worte und in der Hoffnung, eine länderübergreifende europäische „Pro Vielfalt Bewegung“ gemeinsam zu starten, verbleibe ich mit liebsten Grüssen für Dich und Deine Familie

Heinz Reitbauer & das Team des Steirereck im Stadtpark

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