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Erlebnis Kochbuch: wir besprechen die wichtigsten Kochbücher

Tim Raue | My favorite things.


Kochbuch My favorite Things von Tim Raue

Tim Raue, Ausrufezeichen. Es gibt nur wenige Küchenchefs in unserem Land, die allein durch ihr Auftreten so starke Reaktionen hervorrufen wie er, der Berliner "Starkoch". Seine Art bewegt entweder zu spontaner Sympathie oder eben dem genauen Gegenteil. Dazwischen liegt die graue Masse der Gefälligkeit – und genau das ist dieser Mann eben nicht. Dies spiegelt sich auch in seinem Küchenstil wider, der mit dem weitgehenden Verzicht auf Kohlehydrate und einer präsenten Schärfe eher eine Ausnahmeerscheinung in Deutschland darstellt, wenngleich eine Reduktion auf diese Attribute zu kurz greift. Raue geht von einer französischen Klassik aus, welche aber kaum mehr als das Fundament für die tragenden Elemente seiner Küche ausmacht – Salz, Säure und Schärfe – auf denen letztlich seine chinesisch-wirkende Stilistik ruht. Diese ist allerdings so eigenständig, dass sie weder in das Korsett einer Fusionsküche passt, noch rein "asiatisch" zu nennen ist. Kurzum – eine Autorenküche mit prägnanter Handschrift und individuellen Kreationen. Somit schien es nur eine Frage der Zeit, bis auch Raue eine (weitere) Abhandlung veröffentlichen würde.

"My favorite things" ist dabei kein einfaches Buch. Weniger aufgrund der Reproduzierbarkeit der Rezepte (viele sind durchaus leicht nachkochbar), vielmehr irritiert das Werk erstmal. Da ist dieses kleine Format von 25 x 19 cm, das so gar nicht in das aktuelle und ausufernde Kochbuchraster passt. Dann fallen die oftmals farbenfrohen und dennoch matt wirkenden Bilder abseits der Speisenfotografie auf. Und auch das arg dünne Papier, dem es an haptischer Wertigkeit mangelt. Inhaltlich haftet dem Kapitel mit ebenjenen "favorite things" der Anschein von Werbung an und auch Raues Verwendung von Convencience-Produkten wirft Fragen auf.

Tim Raues neues Kochbuch ist bei Rolf Heyne erschienen
Bilder zum Vergrößern anklicken – © Luzia Ellert / Collection Rolf Heyne

Erst mit der Zeit weicht dieser irritierende Bruch mit den Erwartungen dem Eindruck, dass dieses 560 Seiten starke Werk nicht nur ein Abbild des Schaffens im Restaurant Tim Raue ist, sondern eher eine Art Selbstporträt darstellt. Neben kleinen Anekdoten und seiner Sicht auf kulinarische Dinge finden wir unter "Statements" teilweise arg markige Sprüche à la "Ich bin kein Europäer". Insofern ist dieses Buch mehr als die reine Werkschau oder Dokumentation des Ist-Stands der Küche. Es gleicht einer Collage, die Tim Raues Denke und seinen Werdegang vermitteln soll.

Seine Gedanken verdichten sich besonders bei den Speisen zu einem echten Mehrwert. In kurzen, präzisen und zuweilen amüsanten Worten macht er klar, welche Intention hinter dem jeweiligen Gericht steckt. Flankiert werden seine Eingaben durch das eigenwillige Layout, bei dem mal von oben nach unten, mal von rechts nach links geschrieben wird, was wohl jede Aussage wie einen spontanen Einfall erscheinen lassen soll. Dies ist zuweilen gewöhnungsbedürftig, wie auch die Inszenierung von Luzia Ellert, die aber gerade deshalb passender nicht sein könnte. Die reduzierte und pointierte Ästhetik des Anrichtens auf spannendem Geschirr wird durch mal farbstark überzeichnete und mal pastellblasse Hintergründe kontrastiert – allerdings ohne das Hauptaugenmerk von der Speise zu lenken, was durch die ungemeine detailscharfe Klarheit der Bilder meisterlich gelingt. Selten ist dabei ein Gericht ganzseitig zu sehen. Vielmehr erscheint die Reduktion des Fotoformates als bewusstes Stilmittel, so als wolle man jeden Teller, einem kleinen Kunstwerk gleich, "rahmen".

  • Die Gerichte von Tim Raue in seinem neuen Kochbuch

Das kann man mögen oder nicht – so wie alles an diesem Buch, vermutlich so wie alles an Tim Raue selbst. Wichtig bleibt der kulinarische Wert, der sich hinter dieser Inszenierung verbirgt. Raue besitzt eigenen Charakter, eine Unverwechselbarkeit und in seinen Kreationen eine Prägnanz, die all dem entgegen steht, was von Tagesspiegel-Redakteur Bernd Matthies einst so treffend als "Streberteller" bezeichnet wurde: Die Gerichte warten mit ungewöhnlichen Kombinationen und Spannung auf, heben sich dadurch ab vom Einerlei und bleiben doch auf das Wesentliche reduziert.

Schließlich ist dies der maßgebende Punkt, warum wir dieses Buch empfehlen. Es ist nicht nur die Nabelschau einer polarisierenden Kochpersönlichkeit, sondern erweist sich neben irritierenden Momenten als Quell an Inspiration: Für mehr Mut zur Reduktion und zur kompromisslosen Eigenwilligkeit.

  • Das neue Kochbuch des Berliners Spitzenkoch Tim Raue
  • Tim Raues neues Kochbuch

Tim Raue | My favorite Tthings.

Fotografie: Luzia Ellert

Collection Rolf Heyne, 2012
560 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3899105476

Bezug über Amazon für 75,00 EUR

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