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   HomeRestaurantkritik2005Rosentaufe Dieter Müller, Bergisch Gladbach

Rosentaufe Dieter Müller


Wer Umberto Ecos faszinierendes Werk "Der Name der Rose" gelesen hat, weiß, was die über allem stehende Vermutung für die Ursachen der Todesfälle ist: Der Teufel soll seine Hand im Spiel gehabt haben. Wir wollen ehrlich sein: Auch uns beschlich an diesem denkwürdigen Sonntag im sonnendurchfluteten Park des Schlosshotels Lerbach ab und an die Idee, dass es nicht mit irdischen Dingen zugehen konnte. Ein zu perfektes Drehbuch, zu großartige Hauptdarsteller und eine so wunderbare Kulisse konnten eigentlich nicht irdischen Ursprungs sein.

 

August F. Winkler bei der Laudatio für Dieter Müller

 

Der Regisseur

Fragt man Dieter Müller nach der größten sportlichen Niederlage seines Lebens, so nennt er mit einem Schmunzeln auf den Lippen das verlorene Spiel seiner Küchen-Fußballmannschaft der Schweizer Stuben gegen die von Eckart Witzigmanns Aubergine. Spätestens mit der Verleihung der Rose durch Henri Delbard hat Müller wohl gegen Witzigmann, Deutschlands ersten Koch, dem diese Ehrung zuteil wurde, ausgeglichen. Dieter Müller eilt ein großer Ruf voraus, und vieles wird ihm nachgesagt – doch erlebt man ihn nur wenige Minuten im persönlichen Gespräch, weiß man, wie seine Kochkunst zustande kommt: In diesem Mann lodert das Feuer eines 30-Jährigen bei ebenso vielen Arbeitsjahren und gefühlt dreimal so vielen Lebenserfahrung.

Dieter Müller schwimmt nicht auf der Welle der Gourmet-Gastronomie mit, er hat sie begründet. August F. Winkler hat es in seiner würdigen und liebenswerten Laudatio sinngemäß wie folgt zusammengefasst: Dieter Müller hat mediterran in Wertheim und zum Beispiel asiatisch in Bensberg gekocht. Aber seine Speisen waren nie italienisch oder asiatisch – sie waren dieter-müllerisch. "Im Herzen bin ich Franzose, vom Ehrgeiz her jedoch Deutscher", beschied uns Müller bei unserem Versuch, sein Erfolgsrezept zu ergründen.

Diese Simplizität des Handelns bei perfekter Vollendung von Handwerk und nie endenwollender Kreativität sind wohl wirklich die wenigen, aber alles entscheidenden Dieter-Müller-Erfolgsfaktoren. Repetiert man bei dieser Gelegenheit einmal mehr August F. Winkler mit seinem abschließenden Satz: "Gute Köche werden nicht gemacht, sondern geboren!", möchte man ergänzen: "...sie werden der Welt geschenkt!"

 

Sternefresser im Interview mit Dieter Müller

 

Die Hauptdarsteller

Zu viel Gutes konnten wir an diesem Sonntag zu uns nehmen, als dass es in irgendeiner Form für eine differenzierte Kritik geeignet wäre. Trotzdem wollen wir es uns nicht nehmen lassen, jene hervorzuheben, die im Lichte des Heiligenscheins von Dieter Müller fast ebenso hell erstrahlten. Unser Koch des Tages: Sven Elverfeld aus dem Aqua in Wolfsburg.

Die Jakobsmuschel auf Kalbsbries war so perfekt, wie wir eine solche lange nicht mehr hatten. Erlauben sich viele Köche heutzutage, die Jakobsmuschel nur als schmückendes Beiwerk oder Spielerei einzusetzen, so stellt Elverfeld sie dorthin, wo sie hingehört: in den Mittelpunkt seines Gerichts – zentral kombiniert mit zwei reduzierten Fonds und einem ach so leichten Kartoffelpüree. Perfekt! Bleibt zu erwähnen, dass uns seine Taube ähnlich große Geschmackserlebnisse bescherte. Wir sind uns sicher, Sven Elverfeld wird das Aqua dorthin kochen, wo es mit ihm zusammen hingehört: an die absolute Spitze!

 

Die Jakobsmuschel von Sven Elverfeld

 

Nils Henkel an dieser Stelle nicht zu erwähnen, wäre dem (Mit-)Gastgeber gegenüber frevelhaft. Doch das allein ist natürlich nicht der Grund. Seine beiden in der Küche servierten Gerichte, der Thunfisch samt Gewürzlachs und der Rücken vom Sisteron-Lamm, waren sowohl großartig komponiert als auch perfekt zubereitet. Zudem brachte die Atmosphäre am Pass eine willkommene Abwechslung zur ansonsten so perfekten Aufmachung des Schlossgartens und der Räumlichkeiten des Hotels.

Erwähnung finden muss auch Claus Weitbrecht vom Restaurant Talblick in Wildberg, dessen Beitrag mit dem reduzierten Titel "Das Beste von der Wachtel" absolut halten konnte, was er versprach. Auch Jens Rittmeyer, der einzige ausländische Legionär in der illustren Reihe der anwesenden Köche, konnte mit den durch seine Tätigkeit an der Algarve motivierten Vorschlägen überaus begeistern. Die Sternefresser werden ihre Tätigkeit nicht zuletzt durch solche Erfahrungen schnellstmöglich auf das nicht deutsch sprechende Ausland ausweiten müssen.

Einen denkwürdigen Abschluss dieses großen Sonntags bildeten auf gastronomischem Sektor die Desserts von Frédédric Guillon, seines Zeichens Patissier im Schlosshotel. Sowohl das Sorbet vom Rosé-Champagner als auch die Aprikosen auf den Fleur-de-Sel-Crumbles waren im wunderschönen Schlossgarten an diesem sonnigen Tag ein Genuss sondergleichen.

Jene Gäste, zu denen selbstverständlich auch wir zählten, die danach noch immer nicht gesättigt waren, konnten einen Einblick in die langjährige Käsetradition im Hause erhalten: In gewohnt perfekter Manier präsentierten drei Mitarbeiter eine breite Auswahl an Käse. Zwar waren es an diesem Tage nicht die 160 unterschiedlichen Sorten, die schon im Restaurant Dieter Müller gesichtet wurden, es reichte aber allemal, um den Magen für diesen Tag zu schließen.

 

Die gesamte Besetzung dieses großen Tages

 

Der Grandseigneur

Heinz Winkler, dessen Namen bereits eine Rose von Henri Delbard trägt, wäre nicht Heinz Winkler, wenn sein omnipräsentes Auftreten nicht auch an diesem Tage dem Festakt einen würdigen Rahmen gegeben hätte. Winkler hat Erfahrung – viele Gastronomen reden nur davon. Wir hätten ihm weitere unzählige Stunden zuhören und an seinem Know-how partizipieren können – leider waren uns nur zwei vergönnt. Bei Heinz Winkler kann man nicht einfach nur essen, man muss ihn erleben. Ebenso wie Müller ist Winkler Koch mit Leib, Seele und Kochlöffel. Seine Lebensgeschichte – nach einem Schicksalsschlag hat er jung die Mutter verloren, ist beim alleinerziehenden Vater mit elf Geschwistern aufgewachsen und hat früh auf eigenen Beinen gestanden – macht ihn und sein Schaffen umso glaubwürdiger. Hätten ihm nicht schon so viele Gastronomieführer ein Denkmal gesetzt – wir würden es sofort tun. Danke für jede Stunde, die wir mit Ihnen teilen durften.

Sternefresser mit dem legendären Heinz Winkler

 

Fazit: Umberto Eco schrieb einen 600 Seiten starken Roman – Dieter Müller schreibt täglich Geschichte. Eine perfekte Feier für einen perfekten Koch.

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