Toskana
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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7-Sterne-in-8-Tagen-Tour 2005


Ebenso wie Boris Becker angeblich die Turniere seiner weiblichen Sportpartner aus rein professioneller Sicht besucht, mag es auch Personen geben, die die Toskana lediglich wegen der landschaftlichen Reize besuchen. Beides ist sicherlich nicht falsch, wenngleich nicht Vater des ursprünglichen Gedankens. 

Italien selbst ist angesichts seiner Größe, aber auch seiner Küchentradition mit Drei-Sterne-Restaurants nicht dicht bestückt. Umso schöner, dass sich in der Gegend um Florenz eines der beiden Drei-Sterne- sowie drei weitere Ein- und Zwei-Sterne-Restaurants in einem Radius von 30 Kilometern finden. Der ideale Ausgangspunkt für unsere Tour der Leiden: Jules Verne kam in 80 Tagen um die Welt, wir haben es in acht Tagen immerhin auf den Besuch von insgesamt sieben Sternen gebracht.

Enoteca Pinchiorri, Florenz


Anders als die meisten Orte der Toskana ist und bleibt Florenz eine Großstadt und zeichnet sich daher durch folgende Eigenschaften aus: laut, schnell und anstrengend. Umso glücklicher ist man, diese kleine Oase im Herzen der Stadt gefunden zu haben. Ruhe und Geborgenheit leiten sich tatsächlich aus der Oase ab, jedoch lässt sich nicht verhehlen, dass Einrichtung und Gestaltung eher an die pompösen Fresstempel der 80er-Jahre in Deutschland erinnern, und ebenso pompös soll es dann auch mit dem Essen zugehen.

Berauschend schon das Purée von Tomaten und Erdbeeren mit gerösteten Avocado-Chips sowie das Steinbuttfilet, gefüllt mit Mortadella und begleitet von einer Ananas-Sauce, wobei "Sauce" für den zarten, dünnen Lufthauch bereits zuviel gesagt wäre. Es folgten handgemachte Spaghetti mit Nüssen, Rosinen, Zwiebeln und geräucherter Wurst sowie als absoluter Höhepunkt gefüllte Ravioli mit Sesam und Parmesan-Fondue. Die Gerichte, die die Küche da auf unsere Teller gezaubert hatte, verdienen einfach nur die Bezeichnung herausragend. Gerade als wir dachten, nun könne nichts mehr kommen, erreichte uns ein wunderbar zartes Lamm mit frischem Thymian, wie wir es zarter zubereitet bisher niemals genießen durften. Ein Gruß aus der Patisserie in Form eines Taleggio-Käse-Fondues schuf dann den Übergang zu der Komposition rund um die Grapefruit, die von Sorbet, Cremes und Dips gesäumt wurde. So glücklich und erfüllt dachten wir schon, das Rauschen des Meeres zu hören, doch es war wohl nur der Fahrer der italienischen Notenbank, der mit einem 7,5-Tonner die Tageseinnahmen abholte.

An dieser Stelle müssen wir vorausschicken, dass es in allen Sterne-Restaurants in Italien üblich ist, dass nur derjenige, der die wirtschaftliche Verantwortung trägt, eine bepreiste Karte bekommt. Ein Umstand, den wir uns auch in Deutschland öfter wünschen würden. Insbesondere bei einer Karte wie der der Enoteca Pinchiorri kann es den Gästen sonst schnell den Appetit verderben. Die Enoteca ist mit Vorspeisen, die bei 70 Euro beginnen, an der absoluten Obergrenze dessen angelegt, was Spitzenköche verlangen dürfen: kein Hauptgericht unter 100 Euro und eigentlich kein Wein unter 300 Euro. Eine viergängige Weinbegleitung mit unbestrittenen Highlights schlägt mit 180 Euro pro Person zu Buche. Die von uns gewählten Sechs- bzw. Acht-Gänge-Menüs mit Preisen von 175 und 225 Euro darf man in diesem Zusammenhang wohl getrost als günstig bezeichnen.

Dies ist jedoch der einzig fade Beigeschmack dieses herrlichen Essens. Alles, was andere Restaurationen während unserer Toskana-Reise vermissen ließen (unter Umständen hätte uns noch ein Glas Remy Martin aus dem Jahre 1900 für 560 Euro die Laune verderben können), findet sich hier in Vollendung. Und der Erfolg gibt recht: Wir erlebten mittags vier volle Tische und eine großartige Betreuung durch ein achtköpfiges Serviceteam.

Fazit: Dort oben leuchten die Fresken, dort unten speisen wir: absolutes Highlight italienischer Spitzenküche in pompöser Atmosphäre.

Arnolfo, Colle di Val D´Elsa


Rückblickend betrachtet muss man festhalten, dass der Kollege Arnolfo, wenngleich er nicht so heißt, der Höhepunkt unserer Reise gewesen ist. Umso stimmiger, dass wir ihn in die Mitte unseres Arbeitsurlaubes gepackt haben, denn er stellte den Abschluss einer anfangs sonnigen, später regnerischen Woche dar, die auf diese Art und Weise nun doch noch zu einem absoluten Höhepunkt gelangte.

Wir wählten sowohl das Menü Pesce mit italienischen Meeresspezialitäten als auch die Variante Terra mit den Spezialitäten der Toskana. "Wenig zu mäkeln" ist für ein Restaurant dieser Kategorie zu salopp formuliert, doch trifft es genau den Punkt. Wir bekamen alle sechs Gänge durchkomponiert und serviceorientiert an den Tisch. Herausragend bis überragend waren die hausgemachten Nudelgerichte.

Ohne Zweifel gibt es Schwächen bei der Gestaltung. Manche Portionen überraschen mit deutlich zu viel Inhalt für ein Sechs-Gänge-Menü. Die Würze und Textur eines Gerichtes erschließt sich oft erst beim zweiten Biss. Vielleicht ist es diese fehlende Detailverliebtheit, die dazu führt, dass es bei Arnolfo trotz aller vorhandenen Anstandskriterien für ein Restaurant dieser Klasse herzhaft und fast schon liebevoll zugeht. Alle Gäste werden persönlich begrüßt und das Menü in fast epischer Breite erläutert – die beste Basis für einen gelungenen Start in den Abend und der Beweis dafür, dass eine liebevolle Betreuung so manche Schwäche der Küche ausmerzen kann. Bei Arnolfo handelt es sich um die gelungene Mischung aus italienischer Gastfreundlichkeit, toskanischer Küche und den Ambitionen eines Spitzenlokals.

Fazit: Arnolfos Preis ist heiß: Spitzenküche mit einem großartigen Preis-Leistungs-Verhältnis.

Osteria del Vicario, Certaldo


Certaldo ist nicht nur Certaldo, sondern eben auch Certaldo a castello, das ungefähr fünf Kilometer weiter und insbesondere höher liegt. Das erschwert die Anreise, aber verschönt den Ausblick. Der ist nämlich traumhaft, und die Tatsache, dass wir im übervollen Restaurant einen Platz auf der Terrasse direkt am Geländer erhielten, machte das Gastronomierlebnis noch werthaltiger. Wenngleich mit Abstrichen, da man bisweilen den Eindruck hatte, dass das Personal die Speisen aus dem Tal herbeischafft. Zwischen jedem Gang lagen sage und schreibe 20 bis 30 Minuten (!). Eigentlich unfassbar, und so gelang es uns, für ein Vier-Gänge-Menü knapp vier Stunden aufzuwenden.

Der Service macht es mit seiner Freundlichkeit wett, ist tendenziell allerdings wegen der Menge an Gästen ein wenig überfordert. Die Weinkarte ist übersichtlich und mit vielen spannenden italienischen Positionen ausgestattet. Die Speisen selbst sind harmlos, aber keineswegs schlecht, teilweise allerdings mit Garungs- und Temperierungsproblemen behaftet. Exzellent auch hier die hausgemachten Nudeln in der Kombination mit Fisch. Die Portionen sind wieder ein wenig zu umfangreich und haben einen starken Sättigungscharakter. Alles in allem eine akzeptable Leistung zu einem anständigen Preis (vier Gänge inklusive Wein, Wasser und Kaffee für zwei Personen für knapp 120 Euro).

Fazit: Ja ist denn heut schon Weihnachten? Hier findet alles seinen Weg, leider nur selten auf den Teller.

Antica Trattoria Botteganova, Sienna


Der Guide Michelin rät es schon, man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Und so muss man den Stern, den die Antica Trattoria hat, ganz klar unter dem Vorzeichen sehen, dass es sich um ein kleines, am Ortsausgang gelegenes Lokal handelt, bei dem der Chef Michele persönlich kocht, bedient und vor der Tür fegt.

Das macht die Atmosphäre sympathisch, darf aber nicht von Mängeln ablenken. Auf einer überschaubaren Karte kommt das Restaurant bei steigender Gästezahl ins Stolpern und der Service lässt nach. Michele spielt seine Stärke aus, wenn typisch toskanische Gerichte auf den Teller kommen, Tagliatelle mit Ente beispielsweise oder hausgemachte Ravioli. Schön und schmackhaft, wenngleich auch ein wenig lieblos arrangiert. Die Desserts scheinen im Convenience-Bereich angesiedelt zu sein, und auch die Weinkarte ist nicht wirklich überzeugend. So bleibt das Antica Trattoria das, was der Gault Millau ankündigt: eine gute Möglichkeit, lecker zu essen und in guten Momenten – wenn es nicht ganz so voll ist – perfekte hausgemachte Küche zu genießen, aber eben auch nicht mehr.

Fazit: Hier kommt Italien frisch auf den Tisch: bester Landhaus-Stil zu einem exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnis.

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