HomeRestaurantkritik2006Cyrano, Frankfurt

Geld stinkt nicht, mangelnde Leidenschaft schon: Bitte mehr Präzision!


Gab es 15 Punkte in der Schule für eine ausgezeichnete Leistung, so ist es bei den Wertungen des Gault Millau eher eine kritische Zahl. In den Bereichen 13 und 14 Punkte finden sich Häuser mit guter bis sehr guter Grundlage, mit Potenzial oder einer sehr tradierten Marktposition. Bei 16 Punkten beginnt der Bereich, in dem der konkurrierende Guide Michelin – sofern man sich ausnahmsweise einmal mit den Kollegen einig war – meist Sterne vergibt: Küche mit exzellenter Leistung und Kreativität sowie sehr guter Service. 15 Punkte bilden somit oft die Grenze zwischen Spitzenküche und Gastronomie mit gehobenem Niveau, einen schmalen Grat verbunden mit den entsprechenden Abstrichen, die man an Schärfe und Klarheit der Bewertung machen muss. To make a long story short: Häufiger als in den Bereichen darunter und darüber wird man hier enttäuscht, da der Betrieb sich preislich und vom Ambiente her bereits den Höhen angepasst hat, aber der Küche noch die nötige Substanz oder Konstanz fehlt.

Exakt so ein Restaurant ist das Cyrano im Frankfurter Nordend. Klein, aber fein, ein wenig versteckt gelegen und mit den üblichen Frankfurter Parkplatzsorgen verbunden, kann sich hier ein echter Rohdiamant verbergen, der nur noch ein wenig geschliffen werden muss – oder aber ein Gastronomiebetrieb, der beim Hobeln auch einmal Späne produziert. Letztere Beschreibung traf leider auf unseren Abend zu. Bereits der Blick in die Menükarte verriet, dass hier versucht wird, Einfallslosigkeit durch die Verwendung teurer Produkte zu kaschieren. Grundsätzlich durchaus akzeptabel – nur dass in einem solchen Falle die Qualität der Produkte und ihre Zubereitung die Erwartungen übertreffen müssen.

Dass diese Einschätzung auch in der Frankfurter Szene angekommen ist zeigt sich daran, dass in der Vorweihnachtswoche noch genügend Plätze frei sind, um problemlos eine größere Familienfeier ausrichten zu können.

Eine andere Interpretation der Leere an diesem Abend wäre, dass das Cyrano immer noch ein Geheimtipp ist – was es allerdings auch bleiben wird, wenn die Küche sich weiterhin so rätselhaft gibt wie der Name des Etablissements. Die Speisenkarte kommt ohne klare Struktur bei den Gerichten aus. Tradierte Kompositionen sind ebenso enthalten wie neuere Varianten und Veredelungen von Fischen und Fleisch.

Diese unklare Tendenz setzt sich leider bei der Zubereitung der Speisen fort. Sowohl Fisch als auch Fleisch waren hart an der Grenze der ordentlichen Garung zubereitet, die Teller bei der Präsentation zu heiß. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass nicht logistisch sauber zusammengearbeitet wird. Darüber hinaus basierten sowohl Vor- als auch Nachspeise auf dem selben Fond, was nicht grundsätzlich verboten ist – wenn er doch nur nicht versalzen gewesen wäre.

 

Fazit: Das Cyrano ist derzeit leider der Klasse von Restaurants zuzuordnen, die ohne Konzept anfangen und auf halbem Wege stehen bleiben. Mit einem Kreativen in der Küche kann man so etwas Experimentalgastronomie nennen, mit dem, was hier passiert, leider nicht. Offene Weine für über 7,00 Euro tun ihr Restliches dazu, um den Abend unter "V" wie Vergessen abzulegen.

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