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Main Tower, Frankfurt


"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein", schrieb der allzeit gitarrenschraddelnde Reinhard Mey uns Mitte der 70er-Jahre ins Liederbuch. Dass er dabei den Main Tower im Hinterkopf hatte, ist unwahrscheinlich, aber man wird fast zwangsläufig daran erinnert, wenn man im Aufzug geräuscharm in den 50. Stock hinaufgefahren wird.

Das Restaurant, das inzwischen von der Compass Group betrieben wird – einem Catering-Konzern, der sich durch die gezielte und sensible Einrichtung von Restaurants der Oberklasse hervortut –, hat derzeit mit Marco Richter mal wieder einen ehemaligen Souschef von Juan Amador am Pass. Das führt einen zwar zur gedanklichen Kausalkette, dass wir die Frankfurter Gastronomieszene bald das "Amador-Netzwerk" nennen müssen, stellt aber auch sicher, dass wir es mit einem jungen, begabten und experimentierfreudigen Mitglied der Kochzunft zu tun haben.

Den Eingang in die lokalen und überregionalen Kochannalen konnte Richter bisher mit seiner Leistung allerdings noch nicht finden, und so waren wir äußerst gespannt, was uns in den abendlichen Stunden kurz vor Beginn der FIFA Weltmeisterschaft 2006TM erwartete.



Der amador-typische Tapas-Auftakt auf den Schiefertafeln überzeugte mit durchweg ordentlicher Qualität, wenngleich diese Utensilien einen langjährigen Amador-Fan nicht wirklich überraschen. Spannender wird es da beim ersten Gang, dem Salat vom Taschenkrebs mit grünen Mandeln, Vanille und Kaviar. Der Taschenkrebs als eher unterfordertes Gut der Gourmetgastronomie bildet in der Salatzubereitung eine wunderbare Textur mit Vanille- und Mandelaromen und ergibt eine durchweg gut komponierte und gelungene Vorspeise, die der Name nicht hätte erwarten lassen. Der nächste Gang, karamellisierte Gänseleber, Rhabarber und Süßholz, überzeugt durch die gelungene Kombination des Rhabarber mit dem Aromen der Gänseleber, die ein kompaktes wie harmonisches Geschmacksbild ergibt.



Bei den folgenden beiden Gängen, dem lackierten Schweinebauch und dem glacierten Steinbutt, fühlen wir dagegen die Notwendigkeit, Kritik zu üben. Beide Kernprodukte sind leider nur von mittlerer Qualität, der Schweinebauch ein wenig faserig und schwergängig, der Steinbutt zu trocken. Beim Steinbutt müssen wir darüber hinaus konzeptionell bemängeln, dass die gesalzenen Zitronen der Gesamtanmutung des Gerichtes keinerlei Vorschub leisten und weder mit dem Fisch noch mit dem exzellenten Thymianhonig harmonieren.


Im Anschluss erhalten wir allerdings abermals zwei Gänge von sehr guter Qualität. Der in Haselnussöl confierte Lachs mit Perlzwiebeln hat ganz und gar nicht den fischigen Charakter, der bei diesem Fisch leider oft durchscheint, sondern überzeugt als kraftvolles, geschmacksintensives Hauptgericht. Ähnlich begeistert der Rehrücken mit Holunderblüten und Pfifferlingen.

Der Abend schließt mit den so typischen Dessertvariationen auf Schieferplatten, die uns selig und glücklich zurücklehnen und die durchweg gelungene Weinbegleitung genießen lassen. Wir attestieren, dass sich Marco Richter und sein kleines, aber feines Küchenteam auf einem exzellenten Weg befinden.



Die überschaubare Karte kündet vom Beherrschen des Handwerks und von kulinarischer Intelligenz. Spannend ist dies insbesondere deshalb, weil Richter den Mut beweist, die eine oder andere Idee fernab der bekannten Pfade umzusetzen, ohne in die Reihen derer einzutreten, die das Experimentieren dem Kochen voranstellen. Wenn er nun noch kleine Abstimmungsschwierigkeiten ausmerzt, ist er durchaus in der Lage, in das gastronomische Establishment aufzusteigen. Der Service ist ebenso wie die Küche engagiert und interessiert, ohne aufgesetzt zu wirken, und rundet den harmonischen Gesamteindruck eines äußerst gelungenen Besuchs ab.

Fazit: Über den Wolken und auf dem Weg zu den Sternen: Blitzsaubere Leistungen gepaart mit Einfallsreichtum und Innovationscharakter bereiten den Weg für eine klare Aufwärtstendenz in Richters zukünftiger Leistungsbewertung.

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Menü vom 8. Juni 2006


Salat vom Taschenkrebs mit grünen Mandeln und Vanille

2004 Gavi di Gavi, Villa Sparina, Piemont

Karamellisierte Gänseleber, Rhabarber und Süßholz

2004 Cuvée Pius, Weingut Keller, Rheinhessen

Gazpacho andaluz mit mildem Knoblauchsorbet und Kaisergranat

2005 Riesling, Erbacher Michelmark, Heinz Nikolai, Rheingau

Lackierter Schweinebauch mit Sepia und Ossietra-Kaviar

2003 Riesling, Ruppertsberger Gaisböhl, Dr. Bürklin-Wolf

In Haselnussöl confierter Lachs mit Perlzwiebeln und Goldkäppchen

2005 Grauer Burgunder, Heppenheimer Centgericht, Domaine Bergstraße, Hess. Staatsweingut,. Hess. Bergstraße

Glacierter Steinbutt mit gesalzenen Zitronen und Thymianhonig

2005 Grauer Burgunder, Heppenheimer Centgericht, Domaine Bergstraße, Hess. Staatsweingut,. Hess. Bergstraße

Mieral-Taube mit Mais und Essig

2003 Spätburgunder, Hochheimer Reichestal, Künstler, Rheingau

Rehrücken mit Holunderblüten und Pfifferlingen

2000 Brunello di Montalcino, Tenuta di Sesta
2000 Brunello di Montalcino, Vasco Sassetti

Schwarzwälder Kirsch 2006

Rochelt, Gravensteiner
Ziegler No.1, Wildkirsch

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