HomeRestaurantkritik2006Silk (Cocoon Club)

Sin with(out) Sebastian


Shut up (and sleep with me) – eines der vielen Pop-Lieder, die in den 90er-Jahren aus der Welle des Italo-Pop hochgespült und gespielt wurden – ist eine nicht unpassende Maßgabe für einen Abend mit Mario Lohninger. Wirklich sündig verhielt sich an diesem Abend allerdings einzig Sebastian, der Sommelier des Hauses: Er wurde uns zwar mehrere Male angekündigt, erschien aber nie. Ob der Grund dafür in der nicht zu übersehenden Konkurrenz mit dem Sommelier des Silk lag, konnte nicht abschließend geklärt werden. Man kann es ihm eigentlich nicht übel nehmen, denn der Cocoon Club und damit auch das Silk und das Micro bieten eine Vielzahl großartiger Aufenthaltsmöglichkeiten. Das Ambiente nur ‚stylish’ zu nennen, würde der Arbeit des Teams von 3Deluxe aus Wiesbaden nicht gerecht. Hier ist etwas geschaffen worden, was kreativ-dynamische Gemütlichkeit mit einer nervösen Ästhetik vermischt, wie man sie sonst nur von der amerikanischen Ostküste kennt. Das Silk mit den beschallten Ess- bzw. Liegeplätzen und dem sich komplett in weiß präsentierenden Service ist der perfekte Ort für einen Abend voller Sinnesgenüsse.

Zu den Speisen


Ein gastronomischer Abend mit Mario Lohninger wandert - ebenso wie bei Wissler, Amador und Raue - auf dem schmalen Grat zwischen Evolution und Provokation. Gangfolge und Ausarbeitung der Gerichte folgen nicht den bekannten Normen und noch weniger klassischen Geschmacksverständnissen. Wer daher auf entspannten Konsum von Speisen setzt, ist überfordert. An-, Nach- und Mitdenken sind die wichtigsten Formeln, die der Rezipient an einem solchen Abend beherzigen muss.

Um es vorweg zu nehmen: Lohninger ist von all den hier genannten Köchen der, der unter Umständen am stärksten provoziert. Das Silk mit seiner unvergleichbaren Atmospähre bietet hierfür auch eine adäquate Basis. Aus einem spannenden Menü blieben uns vor allem drei Gänge in Erinnerung.



Das "Cornetto, Büsumer Krabben & Kren" ist einfach eine wunderbare Idee und unterhaltsam wie geschmackvoll in Szenze gesetzt.  Der starke Eigengeschmack der Krabben wird hier wundervoll aufgelöst und lässt einen in der Tat frühlingshaft munteren Eis-am-Stil-Charakter entstehen.

Der Gang "Toro, Sesam & grüner Apfel" zeigt stark - und auch hier sind Amador und Raue in letzten Zeit ebenso engagiert - was für ein unterschätztes Kochgut der Apfel in unserer Gesellschaft geworden ist. Insbesondere in aufgelöster oder granularer Form ist er ein im geschmacklichen Ambiente klarer Begleiter, der Aktzente setzt. Insbesondere in Kombination mit den Sesamspitzen wurden wir begeistert.

Unser Favorit im Bereich der Hauptgerichte ganz klar das "ein Stunden Bio-Ei, Mandelpilz, Rucola & Gnocchi". Selten erlaubt man sich, eine so simple Hauptkomponente wie das Ei in den Mittelpunkt zu stellen. Im Akkord mit dem Rucola erleben wir sanfte, tradierte Geschmacksmomente, die einem das Gefühl geben, gerade einen perfekt zubereiteten Loup de Mer konsumiert zu haben.

Mario Lohninger ist längst noch nicht da angekommen, wo es einen die elfengleichen Bedienungen vermuten lassen - das gibt er offen zu. Sämtliche an dem Abend präsentierten Gerichte boten Potenzial, wenngleich noch keine Perfektion  auf der nach oben offenen Cocoon Club Skala - sowohl was die Kompositionen, als auch Texturen und Garungstendenzen der einzelnen Gerichte angeht. Lediglich dem Dessertgang (mais, weisse schokolade & himbeergratinee) möchten wir schon jetzt das Prädikat  ‚herausragend’ verleihen. Er steht dem Siegerbeitrag beim Grand Marnier  Wettbewerb von Tim Raues Crew (Delice von Orange und weißer Schokolade) in nichts nach. Eine Bitte allerdings muss klar geäußert werden: Wein und Weinkarte bedürfen einer grundlegenden Überarbeitung und Neustrukturierung. Auf dem derzeitigen Niveau halten sie dem Speisenangebot nicht Stand.

Der Chef



Bevor er Sven Väths Ruf nach Frankfurt folgte, kochte der erst 32 Jahre alte Küchenchef bereits in internationalen Gourmet-Restaurants wie dem ‚Obauer‘ in Salzburg, dem ‚Tantris‘ in München, dem ‚Guy Savoy‘ in Paris oder dem ‚San Domenico‘ in New York. In Los Angeles arbeitete er zusammen mit dem österreichischen Promi-Koch Wolfgang Puck. Aufbauend auf den dort gesammelten Erfahrungen formte er zuletzt als Küchenchef in David Bouley’s renommierten New Yorker Restaurant ‚Danube‘ seinen unverkennbaren persönlichen Stil und wurde dafür 2002 mit dem Chef Award des New York Magazines ausgezeichnet.

Das Österreich darüber hinaus die gastronomische Gastfreundschaft gepachtet hat, war uns bereits lange bekannt. Nichts desto trotz ist die ungewöhnliche Kombination mit Mutter Erika als Chefin des Service und Vater Wolfgang als Sous-Chef der entscheidende Beitrag zur harmonischen Konvergenz in der die Geschmacks- und Kreationsvariationen Lohningers sich ergeben.



Strangers in the night: Die explosive Mischung aus Clublocation und Spitzenlokal verhelfen Silk und Micro zu dem Glamour, der vielen Sternerestaurants heute fehlt. Don't miss it!

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