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   HomeRestaurantkritik2007Steinheuers, Heppingen

Bewertung Rating: 2.6/5 (total: 359)

Schicks noch einmal, Stefan!


Die Auswahl an ansprechenden Zwei-Sterne-Häusern dünnt sich in Deutschland zusehends aus: Entweder haben die Restaurants die höchste Stufe kulinarischer Weihen Ende letzten Jahres erklommen, das Personal-Karussell hat sie erfasst, oder das gefürchtete Gespenst des Stillstandes spukt im Hause umher. Für die Gastronomen, die an sich den Anspruch stellen, eines Tages einen weiteren Stern vom Himmel zu holen, ist es von daher eine besondere Herausforderung, Moderne und Tradition gekonnt zu verknüpfen.


Die Ruhe vor dem Sturm

Und so betreten wir an diesem Abend einen gut gefüllten Gastraum, dessen Lautstärkepegel durchaus Erinnerungen an große Wettkämpfe in der hauseigenen Kegelbahn wachwerden lässt.

Nach dem obligatorischen Gruß aus der Küche, bei dem nur die sehr lange Verweildauer der leeren Teller in Erinnerung bleibt, starten wir mit einem sehr guten Kalbskopf mit Bries, Filet und Périgordtrüffel. Besonders das Bries ist von hervorragender Konsistenz und geschmacklich gut tariert. Der Service rät, das Gericht von links nach rechts zu genießen – eine Anordnung, der man Folge leisten sollte, da man zwischen Sülze und Süppchen durchaus einen geschmacklichen und qualitativen Spannungsbogen wahrnehmen kann.

Der folgende Wolfsbarsch mit Duccakruste kann die Qualität sogar noch steigern. Die Einzelelemente sind in Garung und Konsistenz einwandfrei, und die bei Fischgerichten oft problematische Kruste ist einwandfrei gelungen und gibt dem Gericht das gewisse Etwas. Schon bei unserem letzten Besuch verwendete Steinheuer Ducca, eine äthiopische Gewürzmischung mit einer orientalisch-nussigen Note, damals in einer Sauce zur Dorade mit Poweraden und Schmortomaten. Dieses Mal setzte die Küche das Gewürz deutlich zurückhaltender ein, es verband sich aber wieder wunderbar mit Kohl und Pfeffermelange. Ein sehr gutes Beispiel, wie man ein hervorragendes Produkt in den Mittelpunkt stellt und die Beilagen in eine perfekte Gesamtharmonie einbindet.

Für die geräucherte Taubenbrust mit Petersilie ist dann Begeisterung ein zu kleines Wort – ein Gericht, das von perfekter Produktqualität und Ausarbeitung war: eine wunderbar zarte, rosa geräucherte Taubenbrust, die auf einer Petersilienmousseline thronte, von deren herben Aromen kongenial begleitet und überhaupt nicht dominiert wurde. Der Vergleich zu Klaus Erforts Taube mit Petersilie liegt nahe, wobei Stefan Steinheuer durch die Kombination mit den Räucheraromen der Taube eine bessere Balance gelingt.

Und gerade als wir – in einer der vielen vom Service provozierten Pausen – dachten, es könne nicht besser kommen, fand die Gänseleber auf Bratapfel und Sellerie mit Enten-Beeftea an unseren Tisch. Die Gänseleber, wiederum perfekt in der Garung, zeigt, wie großartig einfache Gerichte sein können. Der Akkord aus dem sehr konzentrierten Beeftea (Dank an Justus von Liebig!), den kleinen Bratapfel- und Selleriestücken mit der karamellisierten Stopfleber war so atemberaubend, dass wir das Gericht direkt noch einmal orderten! Die uns von vielen Steinheuer-Fans angekündigte fleischliche Offenbarung schien also wahr zu werden, und in Vorfreude auf den Hirschen (und den Weihnachtsmann) versuchten wir, die völlig inakzeptable Weinbegleitung des Gänseleberganges zu vergessen.

Was sich als Höhepunkt ankündigte, setze allerdings wenig Akzente. Der Eifler Hirsch im Molesalzteig war von sehr guter Qualität, aber anders als bei der Duccakruste wollte sich hier keine geschmackliche Gesamtharmonie einstellen. Darüber konnte auch die allzu belanglose Kakaosauce nicht hinwegtäuschen. Der Molesalzteig zeigte überhaupt keine Wirkung auf den Hirsch, vielleicht auch gut so, wenn wir uns an die überbordende und alles erschlagende Mole-Jus eines Ingo Holland erinnern. Der Tiefpunkt war ein karottenartiges Element am Tellerrand, das uns in dieser Form schon allzu häufig in Convenience-Restaurants begegnete. Als Begleitung wählten wir bereits im Vorfeld einen gereiften (und hochpreisigen) 1990er Chateauneuf-du-Pape, der auf Empfehlung des Sommeliers noch eine gute Fruchtnote haben sollte. Leider war der Wein bereits deutlich von Tertiäraromen gezeichnet, die den Genuss des Hirsches weiter deutlich einschränkten.

Beide Dessertgänge folgten leider dem Hirsch in die ewigen Jagdgründe und konnten in keinem Aspekt mit den Vorspeisen mithalten. Das Vordessert Kardamom-Chiboust mit gebackenem Marc-de-Champagne-Trüffel und Quitten war souverän vorgetragen, leider hielten die Kardamomaromen der sehr dominanten Alkoholnote des Trüffels nicht stand.

Das Hauptdessert Maracuja-Limettenschaumschnitte auf bretonischem Mürbteig konnte gar nicht an Desserts anderer Sternehäuser anknüpfen. Die Schnitte selbst war von langweilig gleichförmiger Konsistenz, allein der Mürbeteig war sehr gut. Die Ananas-Cannelloni schrammten an einer grundsätzlichen Ungenießbarkeit knapp vorbei und auch das Tahiti-Vanillesorbet konnte den Gesamteindruck nicht mehr korrigieren. Lediglich der von uns dazu gewählte Kracher TBA Muscat (in memorian) war überdurchschnittlich und ließ das missglückte Dessert schnell vergessen.


Der Abschluss einer Achterbahnfahrt: die Petits Fours

Insgesamt war das Essen auf einem guten **-Niveau, zeigte aber im Vergleich zu früheren Besuchen deutlich mehr menüinhärente Schwankungen. Hans-Stefan Steinheuer ist deutlich in der Tradition der französischen Klassik verwurzelt, integriert aber gekonnt moderne Aromen, ohne molekulare Elemente einzufügen. Nach seinen vielen Ausflügen in andere Tätigkeitsgebiete und Funktionen außerhalb der eigenen Küche scheint sich seine Küchenleistung zwar wieder stabilisiert zu haben, eine grundsätzliche Tendenz nach oben aber ist leider nicht erkennbar.

Wir begrüßen grundsätzlich, dass die Familie Steinheuer solange mit dem Abriss der hauseigenen Kegelbahn gewartet hat, bis Grandpatronin und Oma Renate das Zeitliche gesegnet hat. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht zu erklären, dass der Service am Abend unseres Besuches einem Glücksspiel gleichkam. Ein Steinheuersches Menü ist von solchen Zufallsfügen zwar weit entfernt, doch ein wenig Konstanz in der Verzahnung von Küche und Service würde das gute bis sehr gute Essen geradezu zwangsläufig weiter aufwerten. Und man stellt sich die Frage, ob ein Entertainment-Element (unseretwegen auch in Form einer revitalisierten Kegelbahn oder einer Jukebox für den Sommelier) im Hause Steinheuer die allzu trockene Stimmung im Service nicht ein wenig auflockern würde.


Brächte Stimmung in die Bude: eine Jukebox

Fazit: Wer ist Weihnachten schon gern alleine? Wir jedenfalls nicht – und so waren wir froh, dass wir den weiten Weg in einer Dreier-Gruppe gefunden hatten. Der Service und die Weine begleiteten uns und unser über weite Strecken überdurchschnittliches Essen an diesem Abend nämlich leider überhaupt nicht.


Weihnachten bei Sternefressers

Profil


Steinheuers Restaurant Zur alten Post  
Stefan Steinheuer
Landkroner Str. 110 Heppingen
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
+49 (2641) 94860

Platz 10 der Volkenborn-Rangliste Deutschland
(2006: Platz 11, 2007: Platz 10)

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