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No Trouble in ‚Little Italy’


Zugegebenermaßen ist das Einlassritual gewöhnungsbedürftig: zunächst steht man vor verschlossenen Pforten und erst auf ein Klingeln öffnet sich die massive Tür der Osteria Enoteca. Wenngleich es keine Gesichtskontrolle gibt, erinnert dieses Procedere nicht zuletzt an den Einlass in gewisse 'Etablissements', wobei im Fall der Osteria ursprünglich eine simple Notwendigkeit den Ausschlag gab: vor zehn Jahren, zur Eröffnung des Restaurants im damals noch recht unruhigen Frankfurter Stadtteil Rödelheim, war es schlichtweg nicht möglich, sich auf andere Art vor, sagen wir 'unpassenden' Gästen zu schützen.

Inzwischen ist dank eines mehr oder minder geschickten sozio-politischen Händchens der Stadtpolitik auch dieser Abschnitt Frankfurts befriedet. Die sagenumwobene Klingel ist geblieben, wenngleich heute eher die Schaffenskraft des gebürtigen Sizilianers Carmelo Greco das 'problematische' Rödelheim in Wallung versetzt. Speziell während der letzten drei Jahre legte der sympathische Süditaliener ein ambitioniertes, dabei keineswegs verbissen anmutendes Aufbegehren wider die ermüdenden Wiederholungen an den Tag, mit deren sich die italienische Kochkunst hierzulande allzu oft begnügt.

Viele seiner Gerichte scheinen inzwischen angekommen – souverän kombiniert, aber nicht arriviert; gefestigt, aber nicht im kreativen Stillstand begriffen; zeitgenössisch interpretiert, aber nicht durch moderne Einflüsse karikiert.

Gleich zum Einstieg spielt Carmelo Greco mit ein paar italienischen Klassikern und verhilft vermeintlich abgedroschenen Zutaten und Zubereitungen ganz nebenbei zu neuen und hohen Ehren.

Eine Einstimmung: Sardelle mit Lardo auf Ciabatta

Tonno crudo, Salsa verde, Tempura von Seppioline, Parmesan Royal auf Espresso Orangen Salsa

Mit dieser Amuses-Trilogie hat man gewissermaßen 'ganz Italien auf dem Teller': die würzige Salsa Verde als norditalienische Spezialität und die kross frittierten, dabei butterzarten Seppioline als Gruß von der Küste. In der Kombination des gehaltvollen oberitalienischen Parmesan-Käses (hier in Form eines geradezu ätherischen Flans) mit dem fruchtigen Orangenaroma Siziliens und dem überleitenden Hauch von bitterem Espresso führt Greco die unterschiedlichen (und durchaus rivalisierenden) Regionen seines Heimatlandes auch aromatisch zusammen.

Carne su Carne

Der erste Gang des Menüs dann gleich ein Paukenschlag: Kalbstartar auf Rindercarpaccio. Zugegeben, rohes Kalb- und Rindfleisch stehen normalwerweise nicht unbedingt für ausgeprägte Aromatik. Eine erstklassige Produktqualität, unterstützt von einer hervorragenden Würzung, verkehrt diese skeptische Haltung jedoch sofort ins Gegenteil. Der Kräutersalat, der Weissbrotchip sowie einige Parmesanspäne bewirken eine schöne (und wichtige) aromatische und texturelle Ergänzung. Bravo!

Carpaccio von Branzino in Nussoel mariniert, Langustenpolenta, Tresterreduktion, frittierte Zwiebelringe

Eines jener Gerichte, für die Carmelo Greco derzeit steht: Eine raffinierte und vielschichtige, dabei sehr eingängige Bandbreite an Produkten und Techniken – durchaus traditionell anmutend (Polenta, Branzino), mit rustikalen Anflügen (frittierte Zwiebeln), dennoch weitab von simpler italienischer Küche. Lediglich die Fischhaut war hierbei ungenießbar und trübte das Geschmackserlebnis etwas.

Rote-Bete-Tortelli auf Gorgonzola-Mascarpone-Salsa, Blattspinat und gerösteter Jakobsmuschel

Im Grunde hat man hier zwei Gerichte zugleich auf dem Teller: Eine gut gegarte Jakobsmuschel mit würzigem Blattspinat und erdig-süßlicher Rote-Bete-Sauce sowie Rote-Bete-Tortelli (in deren Teig Streifen von Bauchfleisch eingearbeitet sind) mit einer Sauce von zweierlei Käse. Jeweils für sich genommen sehr solide, in der Kombination droht das Ganze jedoch etwas, nun ja, matschig zu werden. Während dies freilich eine vor allem optische Beeinträchtigung darstellt, führt das Übermaß an cremig-gehaltvoller Sauce das Gericht in eine Art geschmackliche Einbahnstrasse. Alles in allem aber ein durchaus einnehmendes Gericht, bei dem man am besten beherzt in die vollen geht und frei nach gängigen StVO-Entsprechungen genießt: im Idealfall ohne viel Gegenverkehr!

Gänsestopfleber auf Birnenspalten mit Granita vom Grünen Apfel

Der Klassiker in sehr dezenter Variation, allerdings mit zu vielen freien Radikalen! Sicherlich kein Gericht, für das Greco-Fans nach Rödelheim pilgern – und auch Messegäste können mit Individuellerem begeistert und zu Wiederholungstätern herangezogen werden.

Duett von Rotbarbe und Loup de mer auf Sellerieknolle und Kräutersalsa

Ein weiteres Highlight des Abends: Einerseits löst Greco sich mit dem 'Duett' von den Prinzipien der italienischen Küche, der solcherlei Kombinationen eher fremd sind. Zugleich verweisen Elemente wie die aromatische Kräutersalsa, der milde Olivenölsud und ein Hauch Knoblauch ganz klar auf die so genannte 'bodenständige' Küche des Südens. So oder so – die Verbindung des delikaten Loup mit dem kraftvollen Rotbarbe dürfte in jedem kulinarischen Kulturkreis begeistern. Eine perfekte Zusammenführung von Produkten und Aromen.

Bistecca Fiorentina, Zucchini in agretto

Ein toskanischer Klassiker, interpretiert, wenn man so will, nach sizilianischer Art: Dick und rundlich geschnittenes Rindfleisch wird in einer gekräuterten Panade knusprig ausgebacken, wie man es in Sizilien normalerweise mit dem dortigen 'Nationalgericht', den Arancini (Reisbällchen), macht. Anschließend trennt man man das Fleisch in der Mitte durch – mit dem Effekt, dass das butterzarte Rindfleisch durch die 'offene' Seite nicht von der krossen Panade überlagert wird. Traditionell ohne Beilagen serviert, reicht Greco ein paar knackige Zucchiniwürfel, um dem Ganzen eine komplementierende vegetale Note hinzuzufügen. Kurzum: Perfektes Handwerk und begeisterndes Geschmacks-Momentum mit einfachen Mitteln.

Schokotörtchen, Portweinpflaumen, Schokoladeneis

Nicht unbedingt das, was man ein italienisches Dessert nennen würde – dennoch möchte (und kann) man an Grecos Zubereitung des Klassikers, dessen Erfindung Michel Bras zugeschrieben wird, nichts aussetzen. Die gebackene Hülle gibt beim Anstechen einen flüssigen Schokokern frei, der sich beim Auslaufen mit dem Portweinfond der eingelegten Pflaumen vermengt. Ein wunderbar herbstliches Dessert, das allerdings mit einer säurehaltigeren Frucht, die das Gehaltvolle der Schokolade bricht, noch besser funktionieren würde. Mit Quitte etwa wäre gleich auch der Bezug zu Italien wieder hergestellt (die Römer machten das Rosengewächs in Mitteleuropa bekannt).

Creme Brulée, Erdbeeren, Limonensorbet

Handwerklich und geschmacklich einwandfrei, keine Frage – aber wollen wir Creme Brulée wirklich noch im Menu eines Spitzenrestaurants vorfinden? Un dazu eines italienischen? Das stimmig zwischen Süße und Säure, leichter Frische und Cremigkeit ausbalancierte Sorbet versöhnt zwar mit diesem Rückfall in die 1990er Jahre. Doch bei den Desserts, dies müssen wir loswerden, besteht in der Osteria Enoteca noch kreative Luft nach oben.

In der Osteria findet sich eine umfangreiche Romano Levi-Sammlung. Inzwischen werden die leeren Flaschen nicht mehr verschenkt, sondern als Deko eingesetzt.

Fazit: Wenngleich Rödelheim nur für den Besuch der Osteria Enoteca eine Reise wert scheint, so muss Greco's 'little italy' doch auf dem Besuchsplan eines jeden italo-philen Gourmets stehen – läuten Sie hier, um hohe italienische Kochkunst zu erfahren!

Profil


Osteria Enoteca
Arnoldshainer Str. 2
60489 Frankfurt (Main)
Platz 145 der Volkenborn-Rangliste Deutschland (2009)
(2007: Platz 165, 2008: Platz 193)

 

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