HomeRestaurantkritik2009Lärchenhof, Pulheim/Köln

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Bei der dritten Weihnachtsfeier wird alles gut


Wenn man zu Weihnachten eine Reise tut, sollen (kulinarische) Wünsche in Erfüllung gehen, und außerdem soll eine festliche Stimmung herrschen. Beides war uns in den letzten Jahren zu unserem traditionellen Sternefresser-Weihnachtsessen nicht immer vergönnt. Bisweilen wurden uns gleich mehrere Sterne vom gastronomischen Himmel versprochen, die sich dann eher als Sternschnuppen erwiesen. Um das Ganze diesmal von einer anderen Seite anzugehen, konzentrierten wir uns für die Sternefresser-Weihnacht 2009 deshalb auf solche Lokale, denen der Guide Michelin schonmal zwei Sterne versprochen, aber bislang nicht verliehen hat – weniger ist ja manchmal durchaus mehr.

Unsere Wahl fiel auf das Gut Lärchenhof in Pullheim. Im Michelin 2008 noch als Hoffnungsträger für den zweiten Stern vermerkt, war das Restaurant bereits 2009 wieder von diesem Status abgerutscht – Potenzial also für eine in jedem Fall spannende gastronomische Reise.

Und wir nehmen es gerne vorweg: Es war eine glückliche Wahl. Weihnachtliche Stimmung kam bereits während der knapp halbstündigen Taxifahrt aus der Kölner City auf, die uns durch schneebedeckte Felder und weiss gepuderte Dörfer führte. Im großzügigen, dezent-eleganten Restaurant selbst sorgte eine fünf Meter hohe, prächtig geschmückte Tanne für Festtagsatmosphäre.

Das Gut Lärchenhof fungiert neben der Heimstatt eines Toplokals auch als Clubhaus des überregional bekannten Golfplatzes. Manche Gäste stören sich an dieser Vermischung von Golfer-Kantine und Gourmetrestaurant. Zumindest an diesem Abend aber war davon nichts zu spüren: das Publikum setzte sich aus eleganten Genussmenschen und Pärchen beim romantischen Tête-à-tête zusammen – für uns eine indirekte Aufforderung, uns zur Abwechslung einmal nicht daneben zu benehmen.

Wer einmal im Gut Lärchenhof gespeist hat, wird sich an Peter Hesseler erinnern: Ein Patron, wie er im Buche steht. Souverän, galant und mit einer Prise süffisanten Humors führt er durch den Abend – ohne dabei seinem aufmerksamen Serviceteam das Zepter über Gebühr aus der Hand zu nehmen.

Der eigentliche Star des Abends war freilich Küchenchef Bernd Sollenwerk, der dafür sorgte, dass auch unsere kulinarischen Weihnachstwünsche in Erfüllung gingen. Ähnlich wie das Christkind bekamen wir den Meister selbst zwar zur Bescherung nicht zu sehen, dafür aber umso mehr von seinen Kreationen. Es begann mit einer Reihe schöner Häppchen und Amuses (zum Vergrößern anklicken)...

Bei der Variation von der Gänsestopfleber mit Erdnuss und Quitte hatten wir zunächst Bedenken, ob die Schwere der Erdnuss mit der fetten Leber harmonieren könnte – und siehe da: Die Quitte machts möglich! Mit ihrer herben Säure bildete sie das Bindeglied zwischen der hervorragend gewürzten Terrine und der exakt gebratenen Tranche von der Gänseleber sowie den diversen Erdnuss-Texturen (Pulver, Eis, Creme). Ein ungewöhnlicher, durch die Vielzahl der Kombinatiosnmöglichkeiten sehr spannender Foie-Gras-Gang.

So kanns weitergehen, sagten wir uns...

...und das tat es auch, mit Gebratener Jakobsmuschel mit kandiertem Knoblauch, Artischocken, Yuzu-Zitrone und Sot ly laise. Auch dies ein ganz einfach tolle Gesamtkombination, bei der nicht zuletzt der außen kross kandierte, innen butterweiche Knoblauch für einen überraschenden Aha-Effekt sorgte. Für ein paar mehr dieser Zehen hätten wir sogar auf die Sot ly laise verzichtet, die zwischen den kraftvollen Artischockenböden, der aromatisch gerösteten St. Jacques swieso etwas verblassten.

Und dann nochmals eine ungewöhnliche Produktkombination: Langostino und Schweinekinn mit Kokos-Tapioka – geschmacklich durchaus interessant zwischen knackigem Krustentier, butterweichem Schweinefleisch und fruchtiger Exotik changierend, litt dieser Gang an einer etwas unglücklichen (Saucen-)Anrichtung und kam leider untertemperiert an den Tisch. Kein Ausreißer, aber auch kein Gericht, das uns länger beschäftigte.

Der nächste Gang dann wieder ein voller Gewinner...

Rotbarbe mit PX-Essig, Fenchel, Karotten-Anispüree und gefüllten Oliven – das liest sich nicht nur wie ein kleines Aromenfeuerwerk von einem Gang, das schmeckt auch so. Das Erstaunliche dabei: anstelle ein wildes Potpourris zu ergeben, machte die Zusammenstellung absolut Sinn. Alles griff harmonisch ineinander, bei jedem Element schien man plötzlich aromatische Nuancen der anderen Zutaten zu erschmecken. Hervorragend.

Mit dem nächsten Gang schien die Küche noch eins draufsetzen zu wollen: Loup de mer mit Meerrettichcréme, Rote Bete-Macarron, Schnittlauch-Tapioka, glasierten Walnüssen und Kalbskopfsalat. Hier merkten wir endgültig, dass Bernd Sollenwerk bei vollen, kräfigen Aromen ganz in seinem Element ist: Keine halbe Sachen, Alles oder Nichts, Power auf Teufel-komm-rauss! Das ist ganz nach unserem Geschmack und allemal lieber, als gediegene Langeweile auf dem Teller. Zumal, wenn es so gut funktioniert, wie hier. Der Fisch, exzellent von Produkt und Garung, gewann durch die manigfaltige Begleitung an geschmacklicher Tiefe: Die kandierte Walnuss griff die süßliche Nussigkeit der Roten Bete auf, die wiederum durch die leichte Säure einen Anknüpfungspunkt an den Salat fand – eine Art kulinarische Kettenreaktion, die verblüffende aromatische Zusammenhänge eröffnete.

Der erste Fleischgang musste es danach zwangsläufig schwer haben.

Presa-Iberico mit Zwiebelluft und Püree von schwarzen Linsen. Keine Frage, die Schweineschulter, bei 56° für 12 Stunden gegart, war tadellos und butterweich. Aber, ganz ehrlich, irgendwie erschien uns dieser Gang zu diesem Zeitpunkt etwas langweilig.

Beim Lammrücken mit schwarzen Tomaten und confierter Kartoffel handelte es sich zwar ebenfalls um eine vergleichsweise klassische und reduzierte Kreation – die jedoch durch ein sehr schön ausgeprägtes Lamm-Aroma und Feinheiten wie die Remoulade und die schwarze Tomate punktete.

Deutlich komplexer dann der finale Fleischgang...

...Kurze Rippe vom US-Beef (24h bei 54° gegart) mit Steckrüben, glasierten Schalotten, geschmortem Ochsenschwanz und Alba-Trüffel. Ironie der Küchengötter: hier hätte uns bereits das großartige, von dicken Fettadern durchzogene Fleisch in Begeisterung versetzt. Was nicht heissen soll, dass die kleinen Zugaben geschadet hätten, im Gegenteil: vor allem der Trüffel (wir bedanken uns für den Alba, den wir dem Perigord deutlich vorziehen!) und die glasierten Schalotten erwiesen sich als klassisch-gute Begleiter. Ein feiner, rustikal-eleganter Höhepunkt des herzhaften Menu-Abschnitts. Nicht ganz so überzeugend der Ochsenschwanz, der offenbar etwas zu lange außerhalb des Ofens aufs Anrichten warten musste.

Variaton vom Bratapfel: schlicht und ergreifend ein sensationelles Dessert – so gut, dass wir es sofort noch einmal bestellt haben. Die junge Patissiere Sonja kommt aus der Schule von Nadia Hartl im "Aqua", und das merkt man: Sie spielt mit vermeintlich vertrauten Geschmacksbildern (hier: Bratapfel), denen sie eine unerwartete Tiefe und ganz neue Nuancen abgewinnt. Bravourös!

Das zweite Dessert, die Variation von Khaki und Valrhona-Schokolade dann etwas konventioneller, wobei wir uns nicht erinnern können, in der Spitzengastronomie schon einmal Kahki gegessen zu haben – handelt es sich auf Grund der leicht glibbrigen Konsistenz doch um eine recht schwer einsetzbare Frucht. Ein schönes Dessert, unspektakulär, aber in sich absolut stimmig.

Welches Fazit bleibt, wenn der Taxifahrer kommt? Ein fast durchweg gelungenes Menü, eine stimmungsvolle Umgebung, ein lässiges Serviceteam und ein noch lässigerer Patron. Das Gut Lärchenhof bewegt sich mit diesem Auftritt in der Riege jener Restaurants, von denen man wohl noch viel hören wird.

Konkret konnten uns an diesem Abend die Temperierung und die Anrichtung nicht bei allen Gerichten restlos überzeugen. Aber das sind Kleinigkeiten, die einen herrlichen Abend nur für kurze Augenblicke zu trüben vermochten. Insbesondere der Ideenreichtum und die eigenwillige Stillistik bei einzelnen Gerichten sowie die Pattisserie lassen sämtliche Kritikpunkte verblassen.

Weit nach Mitternacht machten wir uns auf den Weg ins Kölner Partyleben. Es war eine sternenklare Nacht.

Weinreise


Die beindruckende Weinkarte mit über 2000 Positionen, besonders aus den französischen und deutschen Regionen, rundet den luxuriösen Gesamteindruck des Hauses ab.

Unsere Wahl an diesem Abend:

 

2006er TBA Josef Lentsch / Burgenland

2003er Riesling Smaragd Hochäcker Weingut Nigl

2006er Macon Chantré Domaine Valette / Burgund

2005er Newton Chardonnay Napa Valley Red Label

2000er Spätburgunder Bundsandstein Dr. Wehrheim Pfalz Magnum

2004er Cabernet Sauvignon Miguel Gelabert Mallorca

2006er Portwein Allesverloren Südafrike

Gut Lärchenhof

Hahnenstraße

50259 Pulheim

 

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