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Konstanter Fortschritt


Auch wenn man es uns auf den ersten Blick nicht glauben mag (und wir beim zweiten Blick oftmals schon zur Bar aufgebrochen sind) uns liegen nicht zuletzt jene Gastronomen am Herzen, die mit Engagement ihrer Arbeit nachgehen – im Zweifelsfall auch unabhängig davon, ob es sich um ein besterntes Etablissement oder einen kleinen Landgasthof handelt.

In diesem Zusammenhang ist uns immer wieder das Restaurant Andante im Atrium Hotel in Mainz aufgefallen. Sympathisch an dem Haus ist uns nicht nur, dass es sich unter Lothar Becker um das größte inhabergeführte Hotel in Rheinland-Pfalz entwickelt hat, sondern, dass das junge Team vom Management über die Restaurantleitung bis hin zur Küchenchefin mit hohem Engagement täglich daran arbeitet, das Haus voranzubringen. Kurz gesagt: Es macht Spaß, in Finthen Gast zu sein.

Noch wird im Hausrestaurant Andante keine Sterneküche serviert – ein Besuch lohnt trotzdem, und bei unseren drei Besuchen merkten wir zusehends, dass sich die Küche bisweilen durchaus zur Decke streckt und an der Tür zu höheren Weihen kratzt.

Lammpraline

Den Auftakt machte die Etagére mit kleinen Snacks: Lammpraline, Tomaten-Quiche, Felchen mit Passionsfruchtsauce. Ein zweifelsfrei gelungener Start, bei dem uns insbesondere die Lammpraline gut gefiel. Kross ausgebacken wurde unser Frittier-Trauma nicht weiter tangiert und eine saftig herzhafte Grundlage für die weiteren Gänge geschaffen.

Tatar vom Rinderfilet mit Pinienkern-Mayonnaise

Auch das erste Amuse Bouche gefiel uns ausgezeichnet. Das Tatar vom Rinderfilet mit Pinienkern-Mayonnaise greift die herzhaften Elemente des Pré-Amouse-Bouche auf, ohne dass die Mayonnaise zu dominant wirkt.

Gebackener Büffelmozzarella mit Tomatensugo

Bei der weiteren Einstimmung, dem gebackenen Büffelmozzarella mit Tomatensugo fehlte uns trotz handwerklicher Solidität eine wenig Würze und Pointiertheit.

Im Bergpfeffer gebratene Thunfisch mit Kräutersalat, Mango und Minzschaum

Der im Bergpfeffer gebratene Thunfisch mit Kräutersalat, Mango und Minzschaum überzeugte uns hingegen und hätte es sogar verdient, direkt nach dem ersten Amouse-Bouche auf die Bühne zu treten. Ein sehr gutes Grundprodukt, kraftvoll gewürzt und durch Mango und Minzschaum differenziert abgerundet. Insbesondere in Kombination mit dem großen Gewächs von Wagner-Stempel ein ausgezeichneter Gang.

Cappuccino vom Hummer mit Flusskrebsravioli

Der folgende Gang, Cappuccino vom Hummer mit Flusskrebsravioli, war zwar hocharomatisch und hatte einen sehr schön reinen Hummergeschmack, war uns persönlich aber dennoch etwas zu mächtig.

Mit Basilikum gefüllter Saibling

Ganz anders dann beim mit Basilikum gefüllten Saibling: Der Fisch in Produktqualität und Garung von bemerkenswerter Makellosigkeit, begleitet von einem sehr fein abegschmeckten Püree von der Urkarotte und einem Schaum von weißen Zwiebeln. Einzig die Portionierung des Püress geriet etwas zu üppig, wodurch es Gefahr lief, den Fisch zu dominieren und allzu sehr zu sättigen.

Rosa gebratenes Karree vom Milchkalb unter einer Zitronen-Bärlauchkruste mit Frühlingsgemüse und Rosmarinjus

So hatten wir denn auch mit dem Hauptgang etwas zu kämpfen – wobei es nicht an der Qualität lag. Das rosa gebratene Karree vom Milchkalb unter einer Zitronen-Bärlauchkruste mit Frühlingsgemüse und Rosmarinjus war zwar kein übermäßig kreativer Gang, was jedoch angesichts des sehr guten Kernprodukts und der stimmigen Zubereitung nicht ins Gewicht fiel. Ein Gericht, wie wir es uns in dieser Restaurantkategorie wünschen.

Wir legten eine Pause ein und widmeten uns ausführlich der Weinbegleitung, so dass wir nicht nur die Uhr, sondern beinahe auch die Dessertgänge aus den Augen verloren hätten.

Aber zum Glück nur fast…

Delice von der Ananas mit Ananas-Shot und Kokos-Eis

…denn das des Delice von der Ananas mit Ananas-Shot und Kokos-Eis leitete durch die erfrischende und völlig unaufdringliche Süße gelungen vom Hauptgang in den Pattiserie-Bereich über.

Traum von Schokolade und Kaffee

Der nachfolgende Traum von Schokolade und Kaffee war uns persönlich ein wenig zu schokoladig, wenngleich uns die Kaffeereduktion, die mit dem Gericht den Tisch erreichte, absolut überzeugte.

So verließen wir nach einem mehr als nur soliden Lunch einmal mehr satt und zufrieden den Ort unseres Schaffens. Es würde uns freuen, wenn die spürbare Weiter- und Aufwärtsentwicklung der Küche bisweilen noch stärker und konsequenter Fahrt aufnimmt, denn ohne Zweifel gehört es bei konstanter Ausnutzung aller Potenziale nicht nur zu den ersten drei Häusern am Platz, sondern hat auch alle Chancen in den Gastronomieführern weiter aufzusteigen.

Herauszuheben ist auf jeden Fall die immer kompetente und charmante Begleitung des Essens durch Tobias Krämer als Restaurantleiter, der genau den Typus Servicechef verkörpert, den wir uns wünschen. Nicht aufdringlich aber immer präsent und in der Lage sich im Ton und Tiefgang auf Geistes- und Stimmungslage seiner Gäste einzulassen. Die Weinkarte ist übrigens für Fans der Region eine echte Freude und wartet mit allem auf, was Rang und Namen besitzt.

Die neue Vinothek

Ein echtes Manko hingehen sehen wie im fehlenden natürliche Licht im Andante, selbst am Mittag. Die neue, lichtdurchflutete Vinothek hingegen, die Ihresgleichen in Mainz sucht, würde sicherlich das schönere Restaurant abgeben und zugleich ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen.

Fazit: Entspannter, unpräteniöser Genuss auf qualitativ gehobenem Niveau zu moderaten Preisen – solche Restaurants gibt es in Deutschland noch immer viel zu selten.

Weinreise


2008 Hohen-Sülzen Kirchenstück, Riesling GG, Battenfeld-Spanier

2006 Siefersheimer Höllberg, Riesling GG, Wagner-Stempel

2006 Auxerrois, Hedesheimer Hof

2005 Westhofen Morstein, Spätburgunder GG, Gutzler

2002 Riesling, Auslese, Wagner-Stempel

Restaurant Andante

Flugplatzstrasse 44

55126 Mainz

Telefon: +49 (6131) 4910

Email: info@atrium-mainz.de

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