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Das große Lo(h)s


Das Fischers Fritz im Hotel Regent in Berlin, hier kocht Christian Lohse

Das kulinarische Berlin ist umkämpft wie keine andere deutsche Großstadt: um die Gunst der lokalen wie auch internationalen Gäste zu gewinnen, wird vieles gewagt – wobei längst nicht jeder gewinnt. Von abgeschmackten Gourmet-Safaris bis hin zu drittklassigen Winzer-Events wurde in den letzten Jahren einiges getestet, um ein wenig "Weltklasse" zu simulieren. Aber auch hier zeigte sich, dass sich allein Qualität durchsetzt. Dies gilt nicht zuletzt für das Fischers Fritz unter der "Regent-Schaft" von Christian Lohse am noblen Gendarmenmarkt. Unbeirrbar klassisch in der Stilistik hat er mit fast durchweg hochklassiger Arbeit das Michelin-Zepter als alleiniger Berliner Herr von 2 Sternen fest im Griff. Höchste Zeit für uns, mal wieder eine Audienz zu erbitten.

Das Fischers Fritz im Hotel Regent in Berlin, hier kocht Christian Lohse

Dies sollte sich zunächst etwas schwierig gestalten, da der Taxifahrer weder das beherbergende Hotel noch das Restaurant kannte. Doch auch derartige Hürden halten uns nicht auf, wenn wir ein Essen bei einem Spitzenkoch im Blick haben und so kamen wir doch noch in den Genuss des Menus:

Das Amuse im Fischer Fritz im Berliner Hotel The Regent
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Die Amuse-Trilogie aus Kartoffel-Espuma mit violettem Senf, Salat von gelber Bete mit Kardamoncreme und gegrillter Gamba, gestovtem Romana Lattuga mit Petersilienhaselnusspesto und Steinbutt ist handwerklich sauber gearbeitet, die Elemente differenziert und aromenstark. Das Süppchen kommt allerdings etwas zu mächtig daher. Dennoch ist der Sinn und Zweck eines Amuse erfüllt: Es stillt den allerersten Appetit und weckt zugleich neuen auf das Folgende.

Froschschenkeln mit Spreewälder Sauerkraut, Bio Linda und einer Emulsion von Wacholdergrün und Wasserspinat: Unsere Vorspeise bei Christian Lohse im Fischers Fritz im Hotel The Regent in Berlin

Echte Begeisterung setzt dann bei den Froschschenkeln mit Spreewälder Sauerkraut (neue Ernte) und Bio Linda mit einer Emulsion von Wacholdergrün und Wasserspinat ein: sämtliche Komponenten ergänzen sich wunderbar und bilden eine Art "rustikale Harmonie". Christian Lohse bringt mit dieser Komposition zugleich seine kulinarisch französischen Wurzeln (Froschschenkel) und seine heutige Heimat (Sauerkraut) aufs Schönste in Einklang – Haute Cuisine trifft Berliner Regionalität.

  • Velouté von frischen und getrockneten Steinpilzen mit Königskrabbe und Zuckerschoten: unser Zwischengericht bei Christian Lohse im Fischers Fritz im Hotel The Regent in Berlin

Beim nächsten Gang, der leicht gebundenen Velouté von frischen und getrockneten Steinpilzen mit Königskrabbe und Zuckerschoten werden wir leider mit einem aromatischen Ungleichgewicht konfrontiert: die Samtsauce (=Velouté) schmeckt zwar höchst delikat, überlagert mit ihrer Intensität jedoch die im wahrsten Wortsinn zentrale Komponente, die kleine Insel aus Krebsfleisch, fast komplett. So kann die eigentlich sehr fein abgeschmeckte Mischung aus Krustentier und Zuckerschote nur texturell in Erscheinung treten. Gebändigt wird die Velouté lediglich durch den korrespondierenden Wein (Riesling Spätlese trocken, Reichsgraf von Kesselstatt). Mit einer leichten Variation könnte dieses Gericht zu hohen Weihen kommen – schade.

Knusprig gebackenes Onsenein mit Pfifferlingen, marinierter Gänsestopfleber und Erbseninfusion: Unser Zwischengericht bei Christian Lohse im Fischers Fritz im Hotel The Regent in Berlin

Wir werden niemals unser erstes Onsenei im Fischers Fritz vergessen! Die heutige "Weiterentwicklung", knusprig gebacken, mit Pfifferlingen, marinierter Gänsestopfleber und Erbseninfusion kann da nicht ganz mithalten. Zu viele Protagonisten und Aromen buhlen um die Gunst des (Fr-)Essers. Trotzdem handelt es sich um eine interessante Variation des Klassikers.

Das doppelte Filet von der Rotbarbe, Kugelrettich gefüllt mit weißen Zwiebeln und Coulis von Sauerampfer: unser Hauptgericht bei Christian Lohse im Fischers Fritz im Hotel The Regent in Berlin

Das doppelte Filet von der Rotbarbe, Kugelrettich gefüllt mit weißen Zwiebeln und Coulis von Sauerampfer ist auf Grund der intensiven Würzung kein unproblematisches Gericht. Der Fisch kommt für sich genommen etwas salzig daher, wobei er diese „Prise zuviel“ wiederum benötigt, um dem Sauerampfer-Pürree, der Zwiebel und der Säure des Rettichs Paroli bieten zu können. Nimmt man alles zusammen, schmeckt es wunderbar. Dennoch sind die Filets alleine gegessen kein Hochgenuss, was den potentiell tollen Gesamteindruck schmälert.

  • Creme von Jivara Schokolade und geräuchertem Tee, Mirabellenessenz mit geeistem Quark und Pondicherypfeffer: unser Dessert bei Christian Lohse im Fischers Fritz im Hotel The Regent in Berlin

Alles vergessen macht uns das Dessert (auch das Predessert ist gelungen), bei dem wir die Patisserie um ein "signature dish" gebeten haben: die Creme von Jivara Schokolade und geräuchertem Tee, Mirabellenessenz mit geeistem Quark und Pondicherypfeffer ist ein außergewöhnliches aber auch unerwartetes Highlight. Fernab ausgetrampelter Dessert-Pfade werden die Rauchnoten sensibel in das süßliche Umfeld integriert. Die Schokolade geht eine samtig-schmelzige Allianz mit der hocharomatischen Essenz ein, deren leichte Pfeffrigkeit für den nötigen Pep sorgt. Der geeiste Quark bringt Frische ins Spiel, die Temperaturunterschiede machen das Ganze enorm spannend – schlichtweg eine Götterspeise!

Unsere Petit Fours bei Christian Lohse im Fischers Fritz im Hotel The Regent in Berlin

Unsere Petit Fours bei Christian Lohse. Allesamt gelungen.

Das Fischers Fritz im Hotel Regent in Berlin: Heimat von Christian Lohse

Einen Großteil der angestaubten Aura, die noch vor zwei Jahren über den Kreationen aus der Küche lag, ist Christian Lohse inzwischen los geworden. Dies zeigt sich insbesondere im Dessert-Bereich, wo der verantwortliche Patissier eine überraschend moderne Richtung einschlägt. Wir erlebten in seinem signature dish einmal mehr den uns hoch willkommenen Trend der Spitzen-Patisserie, ungewöhnliche Wege einzuschlagen. Dies zeigt sich mal in der Integration von "unsüßen" oder gar herben Elementen, mal in der Verwendung bisher vernachlässigter Produkte. Mehr davon, bitte!

Zu Besuch bei Christian Lohse im Fischers Fritz im Hotel The Regent in Berlin

"Vernachlässigt" fühlten wir uns übrigens zu keinem Zeitpunkt. Der Service stets aufmerksam und professionell, wenngleich unserer Einschätzung nach etwas zu steif. An dieser Stelle müssen wir den Sommelier ausdrücklich hervorheben: sämtliche Empfehlungen von Christian Wilhelm korrespondierten mit den Gerichten bemerkenswert gut, manchmal gelang es dem empfohlenen Wein sogar, Fehler der Küche auszubügeln (Velouté).

Bleibt nur das schwere, gediegene Ambiente, das bei uns im Vergleich mit Restaurants wie dem Facil oder dem Margaux immer den Kürzeren ziehen wird.

Das Interior bei Christian Lohse im Fischers Fritz, Hotel Regent in Berlin

Fazit: "La cuisine de la vieille école": Besser kann man in Berlin in klassischer Manier nicht essen. Teurer allerdings auch nicht.

Christian Lohse kocht im Fischers Fritz im Hotel The Regent in Berlin
Der König von Berlin: Christian Lohse

Fischers Fritz im Hotel Regent

Charlottenstr. 49

10117 Berlin

+49 (30) 20336363

www.fischersfritzberlin.com/

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