HomeRestaurantkritik2010Micro, Frankfurt

Bewerten Sie diesen Artikel! Rating: 2.9/5 (total: 324)

Visiting Sitting Bull


Das Facil im Hotel Mandala

Beim Namen Mario Lohninger denkt man vor allem an eines: ans Flachlegen. Seit 2004 betreibt der gebürtige Österreicher im Frankfurter Cocoon Club, einer futuristischen Großraumdiskothek, das "Silk Bedrestaurant". Entstanden nach dem Vorbild des Bed Supperclub in Bangkok, ist dieses Konzept in Deutschland bislang einzigartig – und seit Jahren wird das Lokal von sämtlichen Gastro-Guides mit sehr hohen Bewertungen ausgezeichnet. Dennoch ist es nicht jedermanns Sache, ein zehngängiges Menü halb liegend einzunehmen. Für solche Kandidaten, darunter wir, gibt es nur wenige Meter weiter das kaum weniger hoch gelobte "Micro" – eigentlich als Bistro mit gehobenem Anspruch und vergleichsweise gemäßigten Preisen konzipiert, kann man dort auf Wunsch auch das Silk-Menü bekommen.

Bei unserem letzten Besuch stand uns der Sinn nach genau dieser Kombination: Exzellent speisen, aber bitte im Sitzen. Doch bevor es ans Essen geht, zunächst noch ein paar Worte zum Chef. Mario Lohninger (Interview aus dem Jahres 2006) hat Stationen unter anderem in Werfen (Obauer), Paris (Guy Savoy) und New York (Danube) hinter sich. Seit sechs Jahren waltet und schaltet er in Frankfurt – und hat sich mit nunmehr drei Restaurants (neben Micro und Silk noch das 'Lohninger' in Sachsenhausen) zu einer Art hessischem Nachwuchs-Ducasse entwickelt. Wir sind gespannt, welch weiteren Verlauf diese Entwicklung nimmt.

Steinpilzstrudel und Steinpilzaioli im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt. Das Amuse für die Sternefresser
Gerichte zum Vergrößern anklicken

Nun aber zum Wesentlichen: Am Abend unseres Besuchs startet das "Ballett der Amuses" zum Champagner mit einer schön aromatischen Petitesse: Steinpilzstrudel & Steinpilzaioli.

Gefolgt von...

Hummer mit Lotuswurzel und Yuzu, ein weiteres Amuse Bouche im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

… einer frittiertem Stück Hummer mit Lotuswurzel und Yuzu. Wir sind bekanntlich keine großen Frittierfans. Und diese Haltung bestätigt sich auch hier wieder: die Hülle ist zwar schön kross und das Hummerfleisch saftig und zart – nur wird sein Geschmack fast völlig überlagert. Da hilft auch die Frische der Yuzu nicht mehr.

Cornetto mit Bisontatar und Senföl, ein weiteres Amuse im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Das Cornetto mit Bisontatar und Senföl ist dann wieder eine hübsche Kleinigkeit: kross, kräftig, rustikal und doch fein im Geschmack.

Foie Gras mit Mango und Kakaokeks. Ein weiteres Amuse des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Die Foie Gras mit Mango und Kakaokeks wiederum hinterlässt trotz der potentiell aromastarken Komponenten keinen bleibenden Geschmackseindruck.

Rote Bete mit Mohn-Cremé-fraiche und Apfelkren. Ein weiteres Amuse des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Sehr schön wiederum die Rote Bete mit Mohn-Cremé-fraiche und Apfelkren: Ein erfrischendes, geschmeidiges und harmonisches Spiel zwischen Fruchtsäure, "fetter" Cremigkeit und süßlicher Erdigkeit.

Rainbow Roll mit Hamachi, Lachs, Hummer, Avocado und Shizo. Ein weiteres Amuse im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Die nachfolgende Rainbow Roll mit Hamachi, Lachs, Hummer, Avocado und Shizo ist eine handwerklich einwandfrei gemachte, aber relativ konventionelle Huldigung an die aktuellen Japan-Mode, gemixt mit einem Hauch California feeling (dort wurden die "Rolls" erfunden). Nett, nicht mehr, aber sicher auch nicht weniger.

  • Jakobsmuschel mit Filo-Shrimp, Königskrabbe, Calamari und Meereskräuterfond. Die erste Vorspeise des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Der erste Gang des eigentliche Menüs ist zugleich ein erstes Highlight: die karamellisierte Jakobsmuschel mit Filo-Shrimp, Königskrabbe, Calamari und Meereskräuterfond besticht durch einen wunderbar würzigen Fond und eine abwechslungsreich zubereitete Palette an Meeresfrüchten (hier funktioniert sogar das Frittierelement). Das klingt vielleicht simpel, schmeckt aber ganz einfach richtig gut.

Black Cod, geräucherte Consommé und Rettich. Der zweite Gang des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Simpel mutet auch die nächste Kreation an: Black Cod, geräucherte Consommé und Rettich. Aber was sollen wir sagen: dieser Gang hat definitiv Götterspeisen-Potential. Selten haben wir einen so perfekt gegarten, aromatisch starken Fisch gegessen – dem dann nicht durch übermäßige Beigaben die Schau gestohlen wird. Die hauchzart geräucherte Consommé und die ganz dezente Bitternote des Rettichs öffnen vielmehr die Papillen und bringen dadurch das glasklare Aroma des "schwarzen Kabeljaus" mit seiner perfekt krossen Kruste noch besser zur Geltung. Ein puristisches Meisterwerk.

Maine Hummer mit Topinampur, Papaya und Safran-Curry-Sud. Der dritte Gang des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Deutlich üppiger in der Versammlung von Komponenten und Aromen danach der Maine Hummer mit Topinampur, Papaya und Safran-Curry-Sud. Kein Wunder also, dass uns diese erschlagende Kombi in diesem Moment nicht recht begeistern kann. Trotz guter Qualität des Maine-Hummers (wir glauben ohnehin nicht an die vermeintlichen Vorzüge der bretonischen Artgenossen) ist uns das Ganze zu schwer, zu süßlich, zu stärk gewürzt. Möglicherweise ist es aber auch nur das falsche Gericht zur falschen Zeit.

Blutwurstraviolo mit Sauerkraut und altem Balsamico.  Ein Zwischengang des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Es folgt ein origineller Ausflug in rustikalere Gefilde: Der Blutwurstraviolo mit Sauerkraut und altem Balsamico schmeckt herrlich deftig, ohne dabei plump oder schwer zu wirken. Eine schöne Überleitung in die "fleischige" Welt des Umami.

Shot aus Cranberry und Kaffeeschaum. Ein Zwischengang des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Bevor es jedoch zum Hauptgang geht, serviert Lohninger anstelle eines Sorbets einen Shot aus Cranberry und Kaffeeschaum. Keine Offenbarung, aber erfrischend, wohlschmeckend und an dieser Stelle im Menü sehr angenehm.

  • Bergheufilet, Spinat und 'la ratte' Kartoffeln. Der Hauptgang des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Begeisternd dann das Bergheufilet, Spinat und 'la ratte' Kartoffeln. Das butterzarte Filet (wir haben sehr, sehr selten zarteres Fleisch genossen) kommt nach der aufwändigen Garung in zwei dünnen Scheiben auf den Teller, begleitet von knackigem Spinat und einem Kartoffelpüree, das es an Süffigkeit fast mit jenem von Robuchon aufnehmen kann. Einmal mehr ein simpel anmutender Gang, der gleichwohl durch die hohe Qualität der Produkte und der Zubereitung Eindruck macht. Allein die Temperatur sämtlicher Komponenten würden wir uns beim nächsten Mal deutlich höher wünschen.

Granatapfel-Graniteé, Maiseis und Chili-Popcorn. Das erste Dessert des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Das erste Dessert besteht aus Granatapfel-Graniteé, Maiseis und Chili-Popcorn und wird uns im Silk serviert. Mit einem Wort: großartig. Zunächst irritiert über die Tatsache, dass man hier im Grunde zwei Eissorten auf dem Teller hat, begeistert diese Komposition nach dem ersten Löffel genau dadurch. Das fruchtige Granitée sorgt für Frische, während das Maiseis, in der Konsistenz eher eine gut gekühlte und feste Créme, Substanz beisteuert. Jeder Anflug von Schwere wiederum wird gebrochen durch die perfekt dosierte Schärfe im Popcorn.

Apfelbeignets mit Rieslingsabayon und Vanilleeis: Das zweite Dessert des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Zum Abschluss dann noch mal Frittiertes – aber wenn es sich um einen Klassiker handelt, wollen wir nicht meckern: Zudem sind die Apfelbeignets mit Rieslingsabayon und Vanilleeis einfach zu gut, um etwas daran auszusetzen.

Cocoon-Schokolade. Der letzte Gang des Menus im Restaurant Micro von Mario Lohninger in Frankfurt

Zu guter letzt gibt es Petit Fours in Form der Cocoon-Schokolade – verschiedene Sorten Schokolade, von mild bis herb, die man in Verbindung mit je einer aromatischen Beigabe verkosten soll. Man kann uns gerne als Schoko-Banausen bezeichnen, aber der Zweck dieser Übung erschließt sich uns nicht.

Keine Frage, Mario Lohninger hat sich mit seinen drei Restaurants eine ganz eigenen kulinarischen Kosmos erschaffen, dessen Kreationen geprägt sind von seiner Weltläufigkeit. Die Küche verbindet österreichische Klassiker mit amerikanisch und asiatisch beeinflussten Gerichten – und das auf eine angenehm unprätentiöse Weise. Für sich genommen mögen die Kreationen nicht immer 100 prozentig funktionieren, sympathisch aber ist uns dieser Ansatz allemal.

A propos sympathisch: Eine besondere Erwähnung verdienen Mario Lohningers Eltern Erika und Paul die den Service leiten. Charmant und auf sehr lässige Art bodenständig sorgen sie für eine im wahrsten Wortsinne familiäre Atmosphäre. Ohne sie wäre ein Essen im Cocoon-Club nur halb so schön.

Das Interior des Micros im Cocoon Club in Frankfurt

Fazit: Ob im Sitzen, Stehen oder Liegen – Mario Lohninger präsentiert im Micro eine unprätentiöse, im besten Sinne "internationale" Küche.

Mario Lohninger kocht im Micro und Silk im Frankfurt Cocoon Club
Der Regler mit der großen Haube: Mario Lohninger

Micro im Cocoon Club

Carl-Benz-Str. 21

60386 Frankfurt (Main)

Telefon: +49 (69) 900200

www.mariolohninger.de

Copyright © 2012 sternefresser Impressum