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"Le Lässig"


Das Le Moissonnier in Köln, Wirkungsstätte von Eric Menchon

Beim Erscheinen einiger Guides Michelin für das Jahr 2012 entbrannten unter Gourmets teils heftige Diskussionen ob der Vergabe von 2 bzw. 3 "Maccarons" an Restaurants, die so gar nicht dem klischierten Bild eines "Sternetempels" entsprechen. Die Aufregung drehte sich vor allem um den rustikalen Pub 'Hand and Flowers' in Marlow (England) sowie das 'Brooklyn Fair' in New York, wo man in einer kleinen Küche direkt am Tresen sitzt und bis vor kurzem auch noch die alkoholischen Getränke selbst mitbringen musste. Dabei gibt es in Paris schon lange hochbewertete Restaurants, die sicher keinen Bonus für extrem aufwendiges Interieur erwarten können – und dies auch ganz bewusst nicht anstreben. In Deutschland hat das Le Moissonnier in Köln schon längst gezeigt, dass Luxus etwas ganz anderes bedeuten kann, als die ostentative Zurschaustellung von Dingen, die als luxuriöse Statussymbole taugen. Hier hat man erkannt, dass Originalität, Charakter und eine persönliche Handschrift in Küche und Service nicht nur in der modernen Gastronomie besonders kostbar (und selten) geworden sind. Die unaufdringliche und zurückhaltende Gastfreundschaft der Gast- und Namensgeber Vincent Moissonnier und Eric Menchon, gepaart mit großem Fachwissen und Liebe zum Detail sind wahrer Luxus und gehören zu den Dingen, die man mit Geld nicht verrechnen kann.

Das Interior des Le Moissonnier in Köln

So eigenständig (und eigenwillig) wie die Gastgeber ist auch das Ambiente. Genau so stellt man sich ein Pariser Bistro vor, nur dass man in der französischen Hauptstadt selten ein ähnlich schönes findet. Die sorgfältige Renovierung eines alten Jugendstilcafes hat jeden Kitsch vermieden und genau das richtige Maß an Patina bewahrt. Man fühlt sich wohl und sogar die räumliche Enge wird hier ausnahmsweise zum Pluspunkt, schafft sie doch eine dem Ambiente angemessene, fröhlich-festliche Atmosphäre.

Auch auf den Tellern ist das Le Moissonier manchem Trend ein gutes Stück voraus. Hier wurden schon immer auch die "einfachen" Zutaten und die vermeintlich weniger edlen Stücke gewürdigt, ganz im Sinne der klassischen Bistroküche. Gleichzeitig waren die Gerichte von Anfang an komplex und schon vor über 10 Jahren bestanden viele Gänge aus mehreren Komponenten, die auf verschiedenen Tellern serviert wurden. Heute Gang und Gäbe, überforderte dies vor einem Jahrzehnt noch den einen oder anderen Jungfresser, so dass ein (Wieder-)Besuch im Le Moissonier angeraten schien. Kommen wir also zu des Pudels Kern, dem Essen.

Pochierter Rochen mit Kapern und Sherry Essig ist eine Vorspeise von Eric Menchon im Le Moissonnier in Köln
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Pochierter Rochenflügel mit Kapern und Sherry-Essig-Würfel auf schaumiger Buttersauce / Wachtelei in Rotwein mit Vorpommern-Räucheraal / Pizza-Baguette ist ein starker Auftakt. Der Rochen saftig und charakteristisch schlozig mit einer ganz klassischen Buttersauce, die Cremigkeit gepuffert durch die fein-süßliche Säure des Sherryessiggelees. Einen weiteren (willkommenen) Kontrapunkt setzen der herzhafte Räucheraal sowie die kräftig-säuerliche Rotweinsauce mit dem perfekt cremig-weichen Ei. Hier kündigt sich bereits das Leitmotiv des Menüs an: Das Herz und der Schmack einer ländlich-französischen Küche – Technik und kulinarischer Verstand sind jedoch ganz im 21. Jahrhundert beheimatet. Allein der Gag mit dem "Pizza Baguette" geht etwas nach hinten los; ein bisschen zu nah am Dr.-Oetker-Original ist das Geschmacksprofil des krispen Stengels.

  • Kalbsbries mit Muscovado und Grüntee ist ein Zwischengericht von Eric Menchon im Le Moissonnier in Köln

Beim Milchkalbsbries in Muscovado und Matcha-Salz, Fleischtomate Provenzalische Art mit Morteau-Wurst und geräucherter Mozzarella / Steinpilz-Saltimbocca scheiden sich am Tisch etwas die Geister, zu simpel erscheint dem einen oder anderen das schlicht gebratene Bries. In der Tat liegen auf dem Hauptteller neben den Gewürzen lediglich zwei Stücke Bries, stark karamellisiert und von der Konsistenz etwas fester als gewohnt. Bei den beiden Nebentellern hingegen herrscht Einigkeit: Der Tomatenzubereitung fehlt etwas die provenzalische Sonne, wie auch der Bezug zum Bries. Besser gefällt die Steinpilz-Saltimbocca, aber insgesamt bleibt dies der Gang, bei dem die verschiedenen Komponenten am wenigsten miteinander klingen wollen.

  • Taube mit Blumenkohl ist der erste Fleischgang von Eric Menchon im Le Moissonnier in Köln

Als nächstes dann Täubchenbrust pochiert und gebraten, dazu Mousse von gegrillten Zwiebeln und kandierten Rosenblüten-Pulver, Parmentier von Taubenkeule / Radicchio Tardivo mit Süßholz-Zitronengras / Garniture Dubarry. Hier geht es Richtung Götterspeise. Eine perfekt gegarte Taubenbrust, deren blutig-metallischer Geschmack perfekt durch die dezent süßliche Zwiebelmousse ergänzt wird. Kräftiger (aber nicht zu kräftig) und erdig der zweite Teller mit der geschmorten Keule, gut in Schach gehalten durch die süßlich-bittere Raddicchio-Zubereitung. Die Dubarry-Garnitur aber ist es, die endgültig lustvolle Geräusche am Tisch auslöste. Wer hätte gedacht, dass einem einmal zu einer Blumenkohlbeilage nur wolllüstige Assoziationen einfallen würden. Dieser Gang hält alle am hin- und herprobieren, zu gut sind die einzelnen Komponenten und zu spannend die verschiedenen Harmonien, die sich aus unterschiedlichen Kombinationen der Bestandteile ergeben.

  • Kalbsbrust mit Butternutkürbis und Roscovzwiebeln ist der Hauptgang im Le Moissonnier in Köln

Zum Hauptgang gibt es Milchkalbsbrust konfiert und gegrillt mit Minz-Cremone-Senf und Kubeben-Pfeffer, Braisierter Butternut-Kürbis, Fritto Misto von Roscoff-Zwiebeln und Panzanella: eine wunderbar zarte und fleischige Kalbsbrust, bei der die Würzbeilagen interessante Kombinationen erlauben, ohne den feinen Kalbsgeschmack zu überdecken. Den Lardo hätte es da fast nicht gebraucht. Bei den Gemüsebeilagen gefällt vor allem die Panzanella, die mit ihrer Fruchtigkeit einen wichtigen Beitrag zur Balance des Gerichts leistet. Ein Gang, der noch einmal verdeutlicht, wie man Rustikalität auf Sterneniveau erleben kann.

  • Käse von Maitre Anthony im Le Moissonnier in Köln

Es folgt die Rohmilchkäse-Auswahl von Monsieur Antony (Elsaß). Was soll man zu Antonys Käsen noch sagen? Es ist immer wieder erstaunlich, wie neu und anders (und viel besser) von ihm gereifte Klassiker schmecken, die man eigentlich in- und auswendig zu kennen glaubte.

  • Mousse von grünem Apfel mit Frischkäseeis und Korianderpesto ist das Dessert von ERic Menchon im Le Moissonnier in Köln

Dies gilt auch für das Dessert, Mousse von grünem Apfel und Frischkäse-Eis, Korianderpesto und Apfelgelee, Bretonisches Sandgebäck und konfierte Äpfel in iranischer Zitrone: ein herrlich erfrischender Gang, der auf dem süß-säuerlichen Changieren des Apfels fußt, welches höchst unterschiedlich und dabei jeweils treffend nuanciert wird. Von würzig, frisch (Korianderpesto, Frischkäseeis), über mürb-buttrig (Sandgebäck) bis hin zu erquickend säurebetont erstreckt sich der Spannungsbogen über die einzelnen Teilakkorde. Ob wir diese nun jeweils für sich essen oder aber wild kombinieren, es schmeckt einfach hervorragend!

  • Vanille-Biskuit mit Mousse von Pataya-Mango
  • Pandanus-Eis ist das zweite Dessert von Eric Menchon im Le Moissonnier in Köln

Dem steht auch der finale Akt in nichts nach: Vanille-Biskuit mit Mousse von Pataya-Mango Pandanus-Eis und Shot von Caipirinha-Passionsfrucht bleibt der eingeschlagenen Linie von erquickender Frische treu, kommt in der exotischen Aromatik aber noch fruchtiger daher. Genüsslich schmiegt sich die elegante Allianz aus Vanille an der dezent nussigen Pandanus an die milde Süße der Mango, beschleunigt durch das Eis und die markante Säure des Shots. Kurz und knapp: ein runder Abschluss!

Eric Menchon ist Chef de Cuisine im Le Moissonnier in Köln
Küchenchef Eric Menchon: gradlinig wie seine Küche

Ein wichtiger Teil des Le Moissonnier-Erlebnisses sind auch die Weine und Spirituosen. Es wird hier ganz bewusst auf interessante Gewächse der weniger bekannten Regionen, vor allem Frankreichs, gesetzt. Auch hat man sich auf Grund der sich immer schneller drehenden Preisspirale weitgehend von den Crus aus dem Bordelais verabschiedet. Einer der großen Gastroführer meinte dazu etwas verächtlich, man würde sich jetzt der Mittelklasse widmen. Viel dümmer könnte man es nicht ausdrücken. Als gäbe es nicht genug Weinkarten im Land, in denen die immer gleichen Regionen und Weingüter auftauchen, wo Langeweile durch bekannte Namen und hohe Preise kaschiert wird. Die Weine im Le Moissonnier zeichnet das gleiche aus wie alles andere im Hause: Qualität, Individualität und Charakter. Wer auf Entdeckungsreise gehen möchte an der Loire, im Jura oder im Südwesten Frankreichs, der kann dies ganz bequem in Köln tun. Und dabei auch lernen, wie man Wein und Speisen spannend und doch harmonisch kombiniert.

Weine im Le Moissonnier in Köln

Fazit: Ideenreiche Spitzenküche und tolle Weine im lässigen Bistro-Ambiente zu moderaten Preisen: im Le Moissonnier macht man vor, wie großartig das funktionieren kann - wir hoffen auf zahlreiche Nachahmer im ganzen Land!

Le Moissonnier

Krefelder Str. 25

50670 Köln

+49 (221) 72 94 79

Fragen an den Suffmeister (a.k.a. Sommelier)


Vincent Moissonnier ist Maitre und Sommelier im Le Moissonnier in Köln
Mâitre Vincent Moissonnier

Anzahl der Positionen
40 offene Weine und 150 Flaschen-Positionen, verteilt auf 2 Karten: "Les Sympatiques" und "Les Exceptionnels".

Haben Sie einen besonderen Fokus bezüglich der Weinkarte?
Wir sind immer auf der Suche nach Winzern aus unbekannten Lagen, die authentische Weine erzeugen wollen.

Welche ist Ihre preiswerteste/teuerste Flasche?
Von 25.00 € bis 850.00 € (Magnum)

Die ungewöhnlichste Rarität?
Ein biodynamischer, ausgebauter Elsässer Riesling mit 21 gr Restsüße, der unglaublich trocken schmeckt (von Marc Tempé).

Welches ist Ihr meistverkaufter Wein der letzten 12 Monate?
Für die "Touristen": ein Pouilly-Fumé. Für die "Trainierten": ein Cahors aus den höchsten Lagen, 100% Malbec.

Ihre Entdeckung der letzten 12 Monate?
Sauvignon de Saint Bris, westlich von Chablis aus der Sauvignon Rose-Traube. Der Winzer hat alle seine Rebstöcke auf nördliche Hänge gepflanzt, um den Reifeprozess zu verlangsamern und ist von einer Dichte von 5500 Rebstöcke/HA auf 10000 gegangen, um den Stress-Faktor zu erhöhen. Dadurch gehen die Wurzeln tiefer um Mineralien zu holen. Er erntet natürlich nur die schönsten Trauben.

Ihr Lieblingswein? Weshalb?
Alle meine Weine, weil ich sie selber entdecke, wie ein Kleinkind…

Der ausgefallenste (vinophile) Gästewunsch, mit dem Sie konfrontiert wurden?
Immer wieder die gleiche blöde Frage: Dass wir den Wein ins Eis stecken, damit er schön tod ist!!!

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