HomeRestaurantkritik2012De Pastorale, Antwerpen

Bewerten Sie diesen Artikel! Rating: 2.9/5 (total: 240)

Kulinarisches Hochamt


De Pastorale im belgischen Antwerpen

Zu den für uns schönsten Seiten der belgischen Restaurantszene zählt die Tatsache, dass die meisten Spitzenlokale weitgehend unabhängig arbeiten, sich also nicht in stets etwas anonym wirkenden Luxushotels befinden. Von den 15 besten Häusern des Landes stehen fast alle auf eigenen Füßen. Gibt es in Einzelfällen ein Hotel dazu, ist es meist klein und wird vom Gastronom selbst betrieben.

Einen besonders außergewöhnlichen Ort fand Bart de Pooter, als er sich 1991 im Alter von gerade mal 23 Jahren mit seiner Frau Marie-Claire Braem selbstständig machte und ein Restaurant eröffnete: das De Pastorale befindet sich in einem ehemaligen Pfarrhaus. Wo früher besinnliche Zwiesprache mit dem Himmel gehalten wurden, gibt es nun sinnliche Genüsse zu kosten – wie heißt es so schön in "Big Night", dem wunderbarsten aller Filme über das Essen: "Gut zu essen heißt, Gott nahe zu sein".

De Pastorale im belgischen Antwerpen

Von sakraler Atmosphäre ist im De Pastorale allerdings nichts zu spüren, das Gebäude wirkt eher wie die Villa eines sehr vermögenden Privatmannes. Vor dem Eingang lacht eine Plastik von Jab Fabre den Gast an (oder aus?), ein erster Hinweis auf die Kunstaffinität des Chefs.

Dies setzt sich in den reduziert eingerichteten Gasträumen fort: Eine riesige Holzinstallation des belgischen Starkünstlers Arne Quinze durchzieht die Speisesäle. Später erfahren wir, dass Quinze das Werk eigens für de Pooters Restaurants konzipiert hat. Weitere Jan-Fabre-Skulpturen im akkurat angelegten Garten und kleine Videoarbeiten Qunizes (Barbara Becker stand dafür Modell) an den Wänden der Gasträume sorgen für eine leicht museale Stimmung – was einen schönen Bezug zum nahe gelegenen Museumsrestaurant 't Zilte herstellt, zugleich aber auch eine etwas formelle, Ehrfurcht gebietende Atmosphäre erzeugt.

Das Interieur des De Pastorale im belgischen Antwerpen

Dennoch: ein besonderes Setting haben Bart de Pooter und seine Frau und Restaurantleiterin Marie-Claire Braem hier allemal geschaffen. Blieb für uns abzuwarten, ob sich dieser feingeistige Gestaltungswillen auch in kulinarischer Hinsicht zeigen würde – immerhin hält die Küche seit 2006 zwei Sterne und gilt nicht wenigen Gastrophilen als Aspirant auf höchste Michelin-Weihen.

Erste Aperos im De Pastorale im belgischen Antwerpen
Zum Vergrößern anklicken

Der ersten Happen zum Champagner werden im Garten gereicht und erweisen sich als aromatisch vielversprechend.

  • Die Amuses bei Bart de Pooter im De Pastorale im belgischen Antwerpen

Crustacé mit Bohne und Quinoa sowie Makrele mit Zwiebel und Blumenkohl als Amuse Gueules überzeugen durch Finesse und Aromenkraft.

Das sommerliche Menü startet dann vegetarisch:

Bohnen und Erbsen als Vorspeise bei Bart de Pooter im De Pastorale in Antwerpen

Bohnen und Erbsen mit ihren Sprossen, Stängeln, Blättern und Blüten ist ein sommerlich-leichter, feinwürziger und eleganter Auftakt. Die Komponenten sind teils roh, teils gegart und liefern ein abwechslungsreiches Mundgefühl. Sehr schön.

Hummer als Vorspeise bei Bart de Pooter im De Pastorale in Antwerpen

Der zweite Gang machte uns beim Annoncieren zunächst skeptisch: Hummer mit Verbene, Wassermelone, Kapuzinerkresse und Buttermilch – ein kaltes Gericht! Und das für uns Hummer-Skeptiker. Aber wir werden schnell eines Besseren belehrt. Die belebende Frische und die aromatische Wucht dieses Gangs lassen sich kaum in Worte fassen. Das butterzarte, intensive Hummerfleisch wurde von der zitronigen Note des Verbene-Gelees, der mildwürzigen Kresse, den gehaltvollen Buttermilchnocken und der fruchtigen Melone bestens eingefasst. Jede Komponente spielt der andren zu, unterstützt sie oder mildert sie (im Fall der Mousse sehr wichtig) aufs richtige Maß. Ein köstliches Gericht, bei dem man wunderbar "spielen" kann. Separat serviert kommen dazu die Hummerscheren in einem Buttermlichespuma auf den Tisch – und allein dieser kleine Topf ist schon eine Götterspeise.

Tomaten und Zucchini als Zwischengericht von Bart de Pooter im belgischen De Pastorale

Danach erneut eine reine Gemüsekreation: Tomaten und Zucchini mit Basilikum, Zwiebeln und Kerbel ist ein schönes, leichtes Zwischengericht, das vor allem von der exzellenten Qualität seiner Grundprodukte lebt. Die Variation der Tomate als Tartar und Creme sorgt für texturelle Abwechslung, Zwiebeln und Kerbel bringen Schärfe ins Spiel. Normalerweise serviert de Pooter diese Gemüse in Kombination mit Wolfsbarsch, worauf wir am sehr heißen Spätsommerabend unseres Besuchs gerne verzichten – insbesondere als wir am Nachbartisch den Umfang der Tranche sehen. Dennoch können wir uns vorstellen, dass dieser Tomaten-Zucchini-Teller mit einem winzigen Stück Fisch oder Krustentier, sozusagen als aromatisch komplementäre "Beilage", noch besser funktioniert.

Rochenflügel als erster Fischgang bei Bart de Pooter im De Pastorale

Gehaltvoller dann wieder der Rochenflügel mit Mangold, frischen Mandeln, brauner Butter und Tripel-Geuze Bier. Ein echter Wohlfühl-Gang mit einer süffigen, buttrig-malzigen Sauce, deren Wucht vom Gemüse etwas gemildert wird. Allein der Fisch ist zwar schön kross gebraten, für unseren Geschmack aber zu weit durch und daher etwas trocken. Als passender Begleiter wird für unsere Wein-Abstinzler ein Tripel-Karmeliet Bier serviert.

Lackierter Aal als weiteres Zwischengericht von Bart dee Pooter im De Pastorale in Antwerpen

Ein wenig Angst haben wir vor dem nächsten Gang: Lackierter Aal mit rote Beete und Gänseleber klingt an diesem heißen Abend ungemein mächtig. Aber die Befürchtung erweist sich als unbegründet. Die Säure der roten Beete und des Jus nimmt dem fetten Aal und der Foie Gras auf wundersame Weise die Schwere. Der Aal selbst ist zudem ungewohnt und angenehm mild gehalten – köstlich. Ein stimmiges, auf gekonnte Weise reduziertes und vor allem wohlschmeckendes Gericht.

Kalb als erster Fleischgang im De Pastorale bei Bart de Pooter

Von großer Harmonie auch das Kalb mit Möhren, Kardamon, und Sherry. Das butterzarte, für Kalb bemerkenswert aromenstarke Fleisch, die Karotten und der Sherry bilden ein traditionelles, bestens funktionierendes Zusammenspiel; durch die sanfte Kardamon-Note bekommt das Ganze einen gewissen Pfiff. Für einen echten Fehlton sorgen leider die beiden Langoustinen-Maki auf dem Teller. Deren Räuchernote ist so stark, dass sie am Gaumen einen regelrechten Abwehrreflex erzeugt – von der Überlagerung aller anderen Komponenten ganz zu schweigen. Was auch immer ihr Zweck gewesen sein mag – diese Elemente müssen wir beiseite lassen.

Taube als Hauptgang bei Bart de Pooter im De Pastorale in Antwerpen

Spannend und dabei sehr zugänglich der zweite Hauptgang, grillierte Taube mit Wirsing, Pfifferlingen und Steckrübe. Außer einer einmal mehr bemerkenswerten Produktqualität überzeugt hier die Kombination mit dem kräftigen Kohl und den feinwürzigen Pilzen – beides ideale, durchaus klassische Begleiter für die Taube. Angesichts des butterzarten, saftigen Fleisches braucht es auch keine dicke Sauce, die nur vom eigentlichen Star des Tellers ablenken würde. Hervorragend.

Mozzarella als Käsegang bei Bart de Pooter im De Pastorale in Belgien

Als Käsegang gibt es ein Stück geschmolzenen Mozzarella mit Fenchel und Olivenöl. Der Käse hat eine gummiartige Konsistenz, aber dank der Würzbeigaben schmeckt es nicht schlecht.

Das erste Dessert von Bart de Pooter im De Pastorale im belgischen Antwerpen

Das erste Dessert nennt sich Kirsche, Schokolade "Collection Marcolini Èquateur", Sternanis und Shiso-Eiscrème, wobei mit der "Collection" schlichtweg eine Schokolade aus dem Hause von Pierre Marcolini gemeint ist, deren Kakaobohnen aus der Gegend Los Rios in Ecuador stammen. Dass Kirsche und Schokolade sehr gut zusammen passen, weiß man – und so ist es auch bei den hier servierten, herrlich knackigen Exemplaren und dem feinherben Schokoboden. Dabei bringen die diversen Kirschtexturen zwar etwas Abwechslung ins Spiel, aber den nötigen Kick bekommt dieses Dessert durch das Eis: Die pfeffrige Würze des Shiso betont die anderen Aromen nochmals enorm.

Brombeeren als zweites Dessert von Bart de Pooter im De Pastorale in Berlgien

Ein krönender Abschluss dann Brombeeren und Himbeeren mit Minze, Joghurt und Johnnisbeerlikör. So unspektakulär dieses Dessert anmuten mag, so köstlich schmeckt es. Die vollreifen Beeren, das aromatisch "dichte" Eis, die Frische der Minze und nicht zuletzt die alkoholischen Blitze des geeisten Schnapses (die helle Kugel hinten im Bild) machen dies zu einem Sommerdessert par excellence.

Marie Claire Braem und Bart de Pooter aus dem de Pastorale in Antwerpen
Marie Claire Braem und Bart de Pooter

Der Abend im De Pastorale war in mehrfacher Hinsicht interessant: zum einen natürlich wegen des ungewöhnlichen Ortes, vor allem aber, weil Bart de Pooters Kreationen sich deutlich von jenen seiner Benelux-Kollegen unterscheiden. So halten sich die asiatischen (insbesondere japanischen) Einflüsse in wohltuend engen Grenzen, und auch in Sachen Anrichtung folgt er nicht den aktuellen Moden – es gab kaum Cremetupfer und praktisch keine linien- oder sichelmondförmigen Präsentationen, bei denen der halbe Teller leer bleibt. Auch wirken seine Kreationen reduzierter als heute oftmals üblich, die Komponenten sind stets überschaubar – auch dies ein positives Attribut, das sich nur ein Könner erlauben kann.

Zugleich setzt er auf harmonische Kombinationen, die zwar fast immer schlüssig sind, für unseren Geschmack aber etwas herausfordernder sein dürften. In unserem Menü schmeckte fast alles ausgezeichnet, negative Ausreißer gab es nur in Details wie dem Maki. Auf der anderen Seite aber fehlten uns nach dem großartigen Einstieg mit dem ungewöhnlichen Hummergericht die lange nachhallenden Spitzen in der Dramaturgie. Mit wenigen, pointierten Eingriffen wäre hier sicher eine ganze Reihe von Highlights drin.

Björn Verreckt und Sommelier Jon Stalmans im De Pastorale in Belgien

Der Service unter der herzlichen Marie Claire Braem und dem charmanten, gut gelaunten Björn Verreckt (rechts im Bild) war makellos, je nach Kellner vielleicht einen Tick zu formell. Der langjährige Sommelier Jon Stalmans, ein Mann mit einem durchaus speziellen Humor, stellte eine spannende Weinbegleitung zusammen.

Fazit: Spitzenküche in ungewöhnlichen Ambiente: Bart de Pooter überzeugt mit eigenständigen, wohltuend reduzierten und durchweg wohlschmeckenden Kreationen. Um uns zu uneingeschränkter Begeisterung zu bringen, dürften manche Gerichte aber noch etwas wagemutiger sein.

De Pastorale
Laarstraat 22
2840 Rumst-Reet, Belgien
+32 (3) 8446526
Die Website des De Pastorale

Bewertungen: 2* (Michelin), 18 Punkte (Gault Millau)

Das Pastorale in Antwerpen

Weinbegleitung


Die Weinbegleitung im De Pastorale in Antwerpen

2011 Quinta de Soalheiro, Alvarinho, S-Regiào Melgaço, Portugal

2010 Weingut Hirsch, Grüner Veltiner, Heiligenstein, Österreich

2008 Domaine Alquier, Les Vignes des Puits, Herault, Frankreich

2009 Domaine Renaud Boyer, Le Riaux, Bourgogne, Frankreich

2011 Domaine Marcel Lapierre, Morgon, Natue, Frankreich

2008 Domaine Joliet, Fixin, Clos de la Perrière, Bourgogne, Frankreich

2010 Marchesi D'Alfieri, La Tota, Barbera d'Asti, Piemont, Italien

2009 Bodegas Godella, Libamus, Bierzo, Spanien

Domaine Sigalas, Apiliotis, Santorin, Griechenland

Galerie


  • Impressionen aus dem Pastorale in Antwerpen

Bilder des Restaurants mit freundlicher Genehmigung vom Blind-Tasting-Club. Vielen Dank!

Copyright © 2012 sternefresser Impressum