HomeRestaurantkritik2012Alain Ducasse at The Dorchester, London

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Second best


Alain Ducasse Dependance befindet sich im The Dorcester in London

Alain Ducasse ist ohne Zweifel einer der berühmtesten Spitzenköche der Welt. Er betreibt 27 Restaurants rund um den Globus, drei seiner Dependancen sind mit höchsten Michelin-Weihen ausgezeichnet. Nach unserem Besuch im Pariser Plaza Athénée (adpa), von dem wir schwer beeindruckt waren, wollten wir möglichst zeitnah alle Drei-Sterne-Restaurants des Meisters besuchen. Neben dem Mutterschiff in Monte Carlo gehören die Satelliten in Paris und Monte Carlo – allesamt in Luxushotels positioniert – zum Imperium.

Selbstverständlich fasst man einen solchen Entschluss nur, wenn das erste Erlebnis, wie bei uns zu lesen war, entsprechend positiv ausfällt. So sollte es nicht lange dauern, bis wir mit einer Reservierung in Ducasses zweitem Outlet, dem Alain Ducasse at the Dorchester London (kurz: ADDL), nachlegten.

Ein Nachteil, den die Expansion einer gastronomischen Marke mit sich bringt, ist die Vergleichbarkeit der Kolonien. Nicht nur, dass die Restaurants in der Michelin-Kategorie mit anderen Drei-Sternern gemessen werden, auch innerhalb der Gruppe werden Parallelen gezogen. Den Gipfel erreicht diese Analogie, wenn der Gast in unterschiedlichen Restaurants dieselben Gerichte serviert bekommt. Doch dazu später mehr.

Der Weg durch das Dorchester Hotel hin zum Restaurant Alain Ducasse in London

Wie man es bei einem großen Namen wie Ducasse erwartet, findet sich sein Restaurant nicht einfach irgendwo in London. Den Rahmen bildet das edle und ebenso altehrwürdige Dorchester im noblen Mayfair. Und auch das Innere ist durchaus eindrucksvoll: Vorbei an den Schönen und Reichen aus aller Welt geht es in den von Innenarchitekt Patrick Jouin kreierten Speisesaal, der eine gelungene Symbiose aus klassischer Eleganz und modernem "Style" darstellt. Bei genauerem Hinsehen findet der Betrachter hier zudem allerlei spielerische Details wie kunstvoll abgesetzte Vertäfelungen und Ornamente.

Der Gastraum des Restaurants Alain Ducasse in London

Die Küchenbrigade führt Jocelyn Herland an. Der gebürtige Franzose lenkt die Geschicke des Restaurants seit der Eröffnung im November 2007 und steht seither unter immensem Druck, da zahlreiche Kritiken recht durchwachsen ausfielen – Sterne hin oder her.

Umso gespannter waren wir, wie unser Lunch ausfallen würde…

Langoustine mit Trüffelmayonaisse ist das Amuse bei Alain Ducasse at The Dorchester in London
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Das erste Amuse, die Langoustine "à la Parisienne", ist mit einer Trüffelmayonnaise glasiert und wird von einer Gemüsebrunoise sowie etwas Babyspinat flankiert. Das hört sich gut an, schmeckt auch sehr fein, wenngleich wir à la parisienne" eigentlich als Version mit gegrillten Tomaten und Champignons kennen.

Die warme Dorset-Krabbe Royal ist ein weiterer Gruß aus der Küche des Alain Ducasse at The Dorchester in London

Bei der warmen Dorset-Krabbe Royal ist der Name Programm, da diese tatsächlich nur lauwarm serviert wird. Von diesem kleinen Temperierungsproblem abgesehen, schmeckt das in einer Art Osterei aus Porzellan servierte Gericht durchaus gut, ist cremig und reichhaltig, aber für Ducasse-Maßstäbe dann doch etwas zu wenig pointiert.

Gerösteter schottischer Hummer mit gratinierten Maccaroni als Vorspeise im Alain Ducasse at The Dorchester in London

Mit dem gerösteten schottischen Hummer mit gratinierten Maccaroni erreicht uns eine veritable Götterspeise. Wir sind keine Hummer-Fans, doch dieses butterzarte und aromatische Exemplar belehrte uns eines Besseren: Einen Lobster von solcher Qualität haben wir noch nicht auf dem Teller gehabt. Die leicht asiatisch gewürzte Sauce und die perfekt bissfesten Makkaroni, aufgefrischt durch eine Würzung mit Thai-Limettenblättern, ergänzten das Krustentier aufs Schönste, ohne zu dominieren. Ein simpel anmutender Gang, der höchsten Genuss beschert.

Jakobsmuscheln mit Erbsen und Bohnen ergänzt das Menü als Zwischengang im Alain Ducasse at The Dorchester in London.

Nicht ganz so überzeugend die á la Carte eingeschobenen Jakobsmuscheln mit Erbsen und Bohnen. Zwar sind die St. Jacques ideal gegart und schmackhaft, doch die Erbsen-Bohnen-Beilage fällt recht langweilig aus. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.

Mediterraner Wolfsbarsch mit Artischocken und Knoblauch-Kroketten ist ein Fischgericht von Alain Ducasse, serviert im Londoner Hotel The Dorchester.

Beim mediterranen Wolfsbarsch mit Artischocken und Knoblauch-Kroketten wirkt die üppige Sauce aus Taggiasca-Oliven zu mächtig auf uns. Solch ein Gericht mag im sonnigen Monte Carlo, wo es auch erdacht wurde, blendend funktionieren. Im regennassen London jedoch dominieren die dunklen Früchte des Ölbaums auf unschöne Weise. Keine Frage, der Fisch sowie die Beilagen sind für sich genommen perfekt zubereitet, dennoch zeigt diese Komposition, dass regionale Ideen nicht immer aus ihrem geografischen Kontext gerissen werden können.

  • Cookpot mit grünem Spargel, Morcheln und einem 2009er Jahrgangscomté Grande Garde Cru im Alain Ducasse at The Dorchester in London

Welchen Stellenwert die „Signature Dishes“ in den Ducasse-Restaurants haben, zeigt der Cookpot. Serviert wird in einem eigenes für den Meister kreierten Gefäß. Unsere Version mit grünem Spargel, Morcheln und einem 2009er Jahrgangscomté Grande Garde Cru wird mit einem Blätterteig verschlossen und wandert in den Ofen. Uns begeistert die vermeintlich rustikale Simplizität, mit der dieses wundervolle und intensive Potpourri aus Gemüse, Pilzen und Käse präsentiert wird. Wie so oft lässt Ducasse hier hervorragende Produkte für sich sprechen bzw. schmecken – mit Erfolg.

Alain Ducasse serviert rohe und gekochte Gemüsetarte mit frischen Kräutern im Alain Ducasse at The Dorchester in London

Wenngleich sich der nächste Gang, die rohe und gekochte Gemüsetarte mit frischen Kräutern mangels guter Eatability ausgesprochen schwer essen lässt, funktioniert das Gericht und positioniert sich unter unseren bislang besten vegetarischen Gerichten. Nimmt man sämtliche Komponenten gemeinsam auf die Gabel, entsteht eine wundervoll vegetabil-herbale Melange. Die kalte Pistousauce (Knoblauch, Basilikum und Olivenöl) wirkt als aromatischer Katalysator, während der Keksboden für Textur sorgt.

Als Fischgang schickt Alain Ducasse den gebackenen Heilbutt mit Sellerie, Meeresfrüchten und Tintenfisch im Dorchester in London

Der gebackene Heilbutt mit Sellerie, Meeresfrüchten und Tintenfisch ist wiederum ein Gericht, das den Ducasse'schen Produktfetischismus unter Beweis stellt. Das Filet, welches von einem Prachtexemplar des Plattfisches stammen muss, könnte von besserer Qualität nicht sein: Allein durch sanften Gabeldruck können wir die leicht glasigen Segmente separieren. Die Limonen-Kapern-Sauce dient als delikater Säurelieferant, Sellerie und Meeresfrüchte bringen Abwechslung – ein tolles Gericht, ganz in der klassischen Tradition französischer Hochküche.

Anjou-Taube mit Kartoffeln und Sauce Choron ist der ertse Fleischgang bei Alain Ducasse at The Dorchester in London.

Als erster Hauptgang punktet die Anjou-Taube "à la broche" mit Kartoffeln und Sauce Choron, einer Variante der Sauce Béarnaise. Das Fleisch der am Spieß gegarten Taube ist zart, die Haut kross und die Beilagen allesamt schmackhaft. Sehr gut, aber bei weitem nicht "unvergesslich".

Limousin-Milchlamm mit knusprigem Bries und vrai jus ist der Hauptgang im Alain Ducasse at The Dorchester in London

Beim Limousin-Milchkalb mit knusprigem Bries und "vrai jus" handelt es sich erneut um ein gutes Gericht mit einem tollen Grundprodukt und makelloser Garung. Dennoch stellen wir uns hier die ketzerische Frage, ob etwas Gemüse und ein paar Bries-Crumbles ausreichen, um den entscheidenden Unterschied zu reiner Solidität zu erreichen. Versteht uns nicht falsch, zu Hause würden wir dieses Gericht annähernd jeden Tag essen wollen, aber gehört es in eines der 109 besten Restaurants der Welt?

  • Als Käse reicht man im Alain Ducasse at the Dorchester den Stilton von Colston Bassett

Wir kommen natürlich nicht umhin, den imposanten Stilton, der seit Beginn des Lunches unweit unseres Tisches trohnt, zu probieren. Aus dem stattlichen Acht-Kilo-Laib von Colston Bassett, einer der renommiertesten Käsereien Englands, wird eine schöne Portion herausgeschabt. Besser kann man diesen Käse nicht bekommen.

  • Auswahl von vier französischen Käsen mit Brot und diversen Chutneys im Alain Ducasse at The Dorchester in London

Die Einfachheit, die wir beim Stilton-Gang schätzen, gerät bei der Auswahl von vier französischen Käsen mit Brot und diversen Chutneys zur Farce. Wir fühlen uns angesichts des Porzellans in die Business Class einer großen deutschen Fluggesellschaft versetzt: Die Stücke werden in den kleinen Schälchen vorportioniert serviert, ohne dass wir eine Auswahl hätten treffen können. Geschmacklich können uns die Käse unbekannter Provenienz auch nicht recht überzeugen. Irritierend und in eine schräge Convenience-Richtung gehend, ist dieser Gang eines Spitzenrestaurants und noch weniger eines Dreisterners unwürdig. Der dazu gereichte Salat verstärkt diesen Eindruck.

  • Der Baba au Rhum bei Alain Ducasse im The Dorchester in London
Baba au Rhum ist der Dessertklassiker von Alain Ducasse, hier serviert im Londonder Restaurant Alain Ducasse at the Dorchester

Ducasse ist für seinen Baba au Rhum berühmt – und das zu recht. Doch auch hier müssen wir bereits vor dem Servieren den Vergleich zum Stammhaus ziehen, wo der Gast aus 20 verschiedenen Rumsorten wählen kann. Uns erwarten heute lediglich fünf Flaschen. Dies mag für den Genuss eine sekundäre Rolle spielen, zeigt jedoch den deutlichen Unterschied einmal mehr.

Der Baba an sich steht dem Original in nichts nach und zeigt sich fluffig wie er sein soll. Auch die Vanillecrème ist exzellent. Wann wird dieses grandiose Dessert einmal als Hommage in einem deutschen Restaurant kredenzt? Wir rufen an dieser Stelle dazu auf!

Schoko-Haselnustörtchen mit Nusseis ist ein Dessert im Alain Ducasse at The Dorchester in London

Nicht so begeisternd dafür das Schoko-Haselnustörtchen mit Nusseis. Es ist zwar prächtig anzusehen, schmeckt ein, zwei Gabeln auch gut, wirkt dann aber sehr schwer und aromatisch eindimensional. Schoko-Nuss-Verbindungen erinnern uns zudem immer etwas an einen bekannten Brotaufstrich.

Himbeer-Mandeltartelette mit Mandeleis ist eine gelungen Komposition der Patissiere des Alain Ducasse at The Dorchester in London

Umso besser dafür das Himbeer-Mandeltartelette mit Mandeleis: Köstliche Beeren auf einem hochfeinen Mandelbiskuit, dazu ein hervorragendes Eis. Was soll man da sagen: Simplizität in Perfektion.

Mangogelee, Mangofrucht, Passionsfruchtsorbet, Zitronensorbet, Vanillesorbet, Kokos-Ananas-Meringue ist die finale Süßspeise bei Alain Ducasse in London

Absolut köstlich auch die exotischen Früchte: Mangogelee, Mangofrucht, Passionsfruchtsorbet, Zitronensorbet, Vanillesorbet, Kokos-Ananas-Meringue. Erfrischend, abwechslungsreich mit immer neuen Abstufungen an fruchtiger Süße und Säure. Die Mango von seltener Intensität, die Meringue von großartiger Fluffigkeit und Knusprigkeit. Ein perfektes Sommer- und für uns auch Götterdessert.

  • Mignardises & Gourmandises nennt Alain Ducasse die Petits Fours in seinem Londoner Restaurant

Unter der Bezeichnung Mignardises & Gourmandises werden uns im Anschluss kleine Petitessen gereicht. Die Macarons können uns begeistern, danach wird es denkbar schwerer, das hohe Niveau der Desserts zu halten.

  • Der Infusions-Wagen bei Alain Ducasse im The Dorchester in London

Auch einen Tee vom Infusions-Wagen konnten wir uns nicht entgehen lassen.

Jocelyn Herland ist Küchenchef von Alain Ducasse im The Dorchester in London

Die Ducasse-Küche in London unter Regie von Küchenchef Jocelyn Herland setzt auf eine klare Ästhetik, wobei die Papillen im Vergleich zu den Pariser Erfahrungen Abstriche machen müssen. So gut es insgesamt auch ist, vermissten wir oftmals die wahrhafte Genialität und Pointierung der Hauptgänge und der manchmal simplen, aber immer perfekten Zwischengänge – wobei wir die beiden Londoner Götterspeisen (Hummer und exotische Früchte) nicht unterschlagen wollen.

Maître Nicolas Defremont leitet den Service im Restaurant Alain Ducasse im The Dorchester in London

Eines ist gewiss – nie haben wir in einem Restaurant derart viele Servicekräfte gesehen, wie dies im ADDL der Fall war. Doch viele Kellner verderben hierbei keinesfalls den Brei: Der Service unter Maître Nicolas Defremont setzt für Londoner Verhältnisse, aber auch für jene des Ducasse-Imperiums Maßstäbe. Zu jedem Zeitpunkt begegnet man dem Gast mit einer so außerordentlich herzlichen Aufmerksamkeit, wie es in Frankreich vermutlich nicht très chique wäre – ein sehr erfreulicher Unterschied zu Paris, wo der Service doch arg formell und distanziert agierte. In London sind Humor und Präsenz der schwarzen Brigade auf höchstem Niveau und eine Kombination dieses Aspekts mit der Pariser Küche wäre für uns das perfekte (klassische) Restaurant.

Private Dining-Room - exklusives Speisen im Alain Ducasse at The Dorchester

Erwähnung soll zu guter Letzt noch der Private Dining-Room finden. Mittig rechts im Gastraum angeordnet, wird der Tisch mittels eines Vorhangs aus tausenden lumineszierenden Glasfaserfäden, die ähnlich einem Haute-Couture-Kleid zu Boden hängen, vom Rest des Speisesaals separiert. Dazu Hérmes Porzellan, Saint-Louis-Gläser und Puiforcat-Tafelsilber – exklusiver geht es nicht. Ein Essen wird dadurch zwar nicht besser, aber dennoch begeistert uns diese Lösung eines integrierten Private Dining-Rooms.

Das Interieur des Restaurants Alain Ducasse im The Dorchester in London

Fazit: Klassische Küche auf hohem Niveau – teils begeisternd, teils etwas blass. An die Pariser Filiale reicht die Londoner Küche nicht ganz heran, dafür punktet der hervorragende Service und wenn man die richtigen Gerichte wählt, bietet das Alain Ducasse at the Dorchester ein großartiges Erlebnis.

Alain Ducasse in seinem Restaurant im The Dorchester in London

Alain Ducasse at The Dorchester

53 Park Lane
London, Greater London W1K 1QA
+44 (0) 20 7629 8866

Die Website des Alain Ducasse at The Dorchester

Bewertungen: 3* (Michelin)

Weinbegleitung


Herr über Weine im Alain Ducasse at The Dorchester in London ist Vincent Pastorello
Suffmeister Vincent Pastorello

2002 Philipponnat, 1522 (zur Langoustine)

NV Champagne Selection Alain Ducasse (zur Krabbe)

2010 Timotheus, Gut Oggau, Brgenland (zum Hummer)

2008 Chassagne-Montrachet 1er cru, Chenevottes C. Morey (zum Wolfsbarsch)

2009 Sancerre, Cuvée Jadis, H. Bourgeois (zum Cookpot)

2010 Fiano di Avelino, Feudi di San Gregorio (zur Tarte)

2009 Saint-Aubin 1er cru, Derrière chez Edouard H. Lamy (zum Heilbutt)

2006 Savigny-les-Beaune 1er cru, Aux Guettes S. Bize (zur Taube)

2008 Savigny-les-Beaune, Mongeard Mugneret (zum Kalb)

2008 Arbois, Fleur de Savagnin, Domaine de la Tournelle (zum Stilton/Käse)

2008 Jurançon, Marie Kattalin, Domaine de Souche (Desserts)

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