HomeRestaurantkritik2012Hof van Cleve, Belgien

Bewerten Sie diesen Artikel! Rating: 2.8/5 (total: 233)

Am Hof des Meisters


Der Hof van Cleve von Peter Goosens in Belgien

Keine Frage, in kulinarischer Hinsicht gehört Belgien seit einigen Jahren zu den spannendsten Nationen Europas. Man muss nur einmal einen Blick auf die Sterne-Dichte des kleinen Landes werfen: Gemessen an der Zahl der Einwohner (knapp 11 Millionen) ist die Zahl der Macaron-gekrönten Restaurants beeindruckend. Allein 15 Lokale sind mit zwei Sternen ausgezeichnet, hinzu kommen rund 90 Einsterner sowie natürlich die drei dreifach besternten Spitzenreiter: Hertog Jan, De Karmeliet und Hof van Cleve.

Während das Hertog Jan für die jüngste Generation der flämischen Modernisten steht und das De Karmeliet für eine französisch geprägte Hochküche alter Schule, nimmt das Hof van Cleve eine fast schon legendäre Position als einer der Wegbereiter der belgischen Avantgarde ein – wenngleich seine Kreationen bis heute eine deutlich klassische Basis haben, widmete Peter Goossens sich schon immer ausgefeilten Textur- und Temperaturspielen sowie ungewöhnlichen Aromenkombinationen.

Der Eingang zum Hof van Cleve

Als Goossens den alten Bauernhof in Kruishoutem am Rande der flämischen Ardennen 1987 übernahm, hatte er Stationen unter anderem in der Ecole Lenôtre und im Le Pré Catelan hinter sich. Auf Grund einer Vertragsklausel musste er fünf Jahre warten, bevor er in seiner neuen Wirkungsstätte mehr als nur einfache Bistrogerichte servieren durfte. 1992 startete er dann voll durch, bekam schon zwei Jahre später den ersten Stern; 1998 folgte der zweite, weitere sieben Jahre später schließlich der dritte.

Der Weg zum Restaurant führt durch eine Landschaft, deren Atmosphäre zwischen trister Einöde und anmutiger Weite changiert. Man fährt und fährt, die Häuser am Straßenrand werden immer weniger, die Wege immer holpriger, und gerade wenn man denkt, man habe sich endgültig verfranst – ist man plötzlich am Ziel.

Der Hof van Cleve in der Nähe von Gent

Es hat durchaus etwas Surreales, in dieser ländlichen Abgeschiedenheit plötzlich auf einem Parkplatz voller Ferraris, Maseratis und anderer blitzblanker Luxusgefährte zu stehen. Dennoch herrscht im Hof van Cleve keine versnobte oder gar neureiche Atmsophäre. Der Empfang ist sehr herzlich, die Stimmung elegant-entspannt. Man merkt dem Serviceteam die Fähigkeit an, sich auf jeden Gast sofort individuell einzustellen. Bei uns heißt das natürlich: Es darf gescherzt und gelacht werden.

Umso gespannter sind wir, ob auch das Menü Freude machen wird...

Die Amuses bei Peter Goossens im Hof van Cleve
Bilder zum Vergrößern anklicken

Die Amuses, darunter Olive, Güner Pfeffer und Anchovi, Schwein, Salbei und Gruyère sowie, im Schälchen, Bergorange, Piccalilli und Tonic klingen vielversprechend, schmecken auch gut, lassen aber eine gewisse Filigranität vermissen. Anders gesagt ist nichts dabei, was uns länger in Erinnerung bleiben wird.

  • Die Vorspeise im Hof van Cleve bei Peter Goossens, Makrele mit Avocado, Zucchini und Joghurt

Genau das liefert dann zum Glück der erste Gang, Makrele mit Avocado, Zucchini und Joghurt. Der Schmelz des köstlich fetten Fischs wird einerseits durch die Avocadocrème komplementiert, zugleich aber durch den Joghurt aufgebrochen. Die Zucchini sorgt für eine gemüsige Note, deren frittierte Blüte für den nötigen Crunch. Sehr abwechslungsreich, sehr schön.

Kirchererbsen, Linsen, Möhren und Vadouvan im Hof van Cleve bei Peter Gossens

Es folgt ein reiner Gemüsegang: Kirchererbsen, Linsen, Möhren und Vadouvan überzeugt durch eine klare Komposition und ein tiefes Geschmacksbild. Die Kicherebsen in Form eines Biskuits bilden das aromatisch sehr dichte Zentrum, bestens ergänzt durch die knackigen, hauchfein süßen Möhrenwürfel und die Vollmundigkeit der Linsen. Das Vadouvan, eine Art indischer Curry mit französischem Einschlag, sorgt für den würzigen Pep und fungiert als aromatisches Bindeglied, etwas Orangenabrieb steuert sommerliche Frische bei.

Gemüsesaft als Begleitung im Hof van Cleve bei Peter Gossens

Begleitet wird das Ganze von einem passenden, sehr wohlschmeckenden Gemüsesaft.

Oosterschelder Hummer mit Aubergine, Quinoa und Curry im Hof van Cleve bei Peter Goossens

Nicht so überzeugend danach der Oosterschelder Hummer mit Aubergine, Quinoa und Curry. Zwar ist der Hummer zart und aromatisch und wird von den exotischen Beigaben durchaus stimmig eingefasst. Jedoch fehlt uns ein gewisses Etwas, oder anders gesagt: Das Gericht schmeckt in sich gut, aber auch ein bisschen langweilig.

  • Entenleber mit Roter Bete, Kirsche und Balsamico im Hof van Cleve bei Peter Goossens

Umso begeisternder dafür die Entenleber mit Roter Bete, Kirsche und Balsamico. In der Zusammenstellung fast identisch mit dem Foie-Gericht im Hertog Jan, wirkt sie bei Goossens kompositorisch ausgewogener, aromatisch runder und schlichtweg wohlschmeckender. Das Süße-Säure-Spiel zwischen Kirschen und Balsamico untermalt die Rostnöten der Leber prächtig, die Rote Bete sorgt mit ihrer leicht nussigen Erdigkeit dafür, dass das Ganze nicht in die Richtung eines herberen Desserts kippt. Hervorragend!

Kalbstartelettes, bei Peter Goossens im Hof van Cleve in Belgien

Als Einstimmung auf den Hauptgang werden kleine Kalbstartelettes serviert, die uns auf Grund der penetranten, an eine Ketchup-Mischung erinnerndern Sauce leider überhaupt nicht begeistern können, …

Milchkalb aus der Corrèze mit weißem Spargel, Schalotten und Estragon bei Peter Goossens im Hof van Cleve

…der darauf folgende Hauptgang dafür umso mehr: Milchkalb aus der Corrèze mit weißem Spargel, Schalotten und Estragon ist eine süffig modernisierte Version des klassischen Dreiklangs Spargel/Estragon/Kalb. Das ist intellektuell kein sonderlich herausforderndes Gericht, aber dennoch (oder gerade deshalb?) ein Fest für den Gaumen. Butterzartes und pointiert gewürztes, trotz der Jugend des Tieres sehr aromatisches Fleisch, knackiger Spargel und ein wunderbar kräftiger Jus – manchmal braucht man gar nicht mehr zum Glücklichsein.

  • Auswahl belgischer Käse im Hof van Cleve bei Peter Goosens

Wenngleich wir uns langsam der Sättigungsgrenze nähern, muss eine kleine Auswahl belgischer Käse einfach sein…

Gariguette-Erdbeeren mit Ingwer, Basilikum und Génépi als erstes Dessert im Hof van Cleve bei Peter Goossens

Als erstes Dessert kommen Gariguette-Erdbeeren mit Ingwer, Basilikum und Génépi auf den Tisch. Das schmeckt sehr schön frisch, durch den Ingwer leicht pfeffrig und durch den Kräuterlikör Génépi feinwürzig. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Erdbeeren von sensationeller Qualität waren. Dennoch müssen wir sagen, dass diesem Gericht trotz allem Wohlgeschmack der letzte Pfiff fehlt.

Ecuador-Schokolade 70% mit Passionsfrucht, Brioche und Mango als Dessert im Hof van Cleve bei Peter Goosens

Besser gefällt uns das zweite Dessert, Ecuador-Schokolade 70% mit Passionsfrucht, Brioche und Mango. Die kross ausgebratene Brioche steuert Textur bei und verleiht den exotischen Fruchtkomponenten in jeder Hinsicht Gewicht. Das Eis hat genau die richtige Balance aus feinherber Bitterkeit, sahnigem Schmelz und Süße. Es schmeckt alles gut und sehr gefällig, wenngleich auch hier der Eindruck bleibt, dass es anderswo deutlich komplexere Desserts gibt.

Petits Fours im Hof van Cleve bei Peter Goossens

Die Petits Fours sind wiederum sehr köstlich und sehr reichhaltig, darunter typisch belgische, süchtig machende Krapfen und Pralinés.

Der Dessertwagen bei Peter Goosens im Hof van Cleve

Den sprichwörtlichen Atem verschlägt uns aber der Dessertwagen mit seinen wunderbaren Gebäckstücken und Macarons – eine wahre Pracht, bei der wir dann doch noch einmal gehörig zugreifen… und das schmeckt dann auch alles so, wie man es sich in einem Restaurant dieser Güteklasse vorstellt.

Madeleines, Éclairs und Rhababertarte bei Peter Goosens im Hof van Cleve

Bei hervorragenden Madeleines, Éclairs und Rhababertarte geht der Nachmittag in der Tradition einer echten „Teatime“ zu Ende...

Das Team im Hof van Cleve
Chef Peter Goossens
Sommelier Peter Verheyde

Zugebenermaßen sind wir nach dem Tag im Hof van Cleve etwas hin- und hergerissen. Die Atmosphäre ist bezaubernd und der Service unter der äußerst charmanten Liev Goossens erstklassig – insbesondere in dem weitgereisten Sommelier Pieter Verheyde haben wir einen neuen Helden gefunden. Mit einer glänzenden Weinauswahl sowie einer Unmenge kurioser Anekdoten aus früheren Wirkungsstätten sorgte er für großartige Unterhaltung. Mit Geist und Humor, aber ohne jede Aufdringlichkeit – eine leider seltene Kombination.

Das Ambiente im Hof van Cleve

Was das Essen betrifft müssen wir gleichwohl konstatieren, dass wir ein klein wenig mehr erwartet haben. Keine Missverständnisse: Für sich genommen war jeder einzelne Gang sehr gut – einige waren sogar hervorragend, und es gab keinen einzigen Ausreißer. Nur fiel uns das Menü insgesamt dann doch etwas zu gediegen aus. Nicht zuletzt bei den Desserts setzte die Küche bei unserem Besuch auf bewährt-süffige Aromenkombinationen und hielt sich mit Experimenten zurück. Bei aller handwerklichen Perfektion und kompositorischen Ausgefeiltheit würden wir uns mehr Wagemut wünschen. Die Fähigkeiten und das Temperament sind zweifellos vorhanden.

Trotz dieser Kritikpunkte gehört ein Besuch im Hof van Cleve sicher auf die Wunschliste jedes ernsthaften "Fressers". Für uns war es jedenfalls sicher nicht der letzte Besuch in Kruishoutem, und wir sind schon jetzt gespannt, was uns beim nächsten Mal erwartet…

Wittmann-Vertikale zu den Desserts im Hof von Cleve

Fazit: Peter Goossens serviert makellos zubereitete, durchweg wohlschmeckende Spitzenküche, die für unseren Geschmack jedoch etwas modernistischer sein dürfte.

Hof van Cleve
Riemegemstraat 1
9770 Kruishoutem
Belgien
+49 (9 383) 58 48
Hof van Cleve-Website
Bewertungen: 3* (Michelin) / 19 Punkte (Gault Millau)

Weinbegleitung


Die Weinbegleitung von Peter Verheyde im Hof van Cleve
Copyright © 2012 sternefresser Impressum