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Wiederbesucht: Berlins kulinarische Oase


Das Restaurant Facil im Hotel Mandala am Potsdamer Platz in Berlin

Nicht nur politisch, sondern auch kulturell ist Berlin schon lange die einzige Hauptstadt Deutschlands – gastronomisch war das in den letzten Jahren nicht unbedingt der Fall. Doch mit jedem Jahr holte die bevölkerungsreichste deutsche Metropole auf, gewann an spannenden Restaurants und hat seit dem jüngsten Michelin die Führung mit 16 Macarons deutlich ausgebaut.

Ein Koch, der von Beginn an (und fast mit gleicher Mannschaft) präsent ist und uns schon 2010 begeisterte, ist Michael Kempf aus dem Facil im stylischen Mandala-Hotel am Potsdamer Platz. Das Restaurant ist bekanntlich die schönste kulinarische Oase Berlins, in der der gebürtige Tübinger in locker-unverkrampfter Atmosphäre eine filigrane Regionalküche mit internationalen Einflüssen serviert. So nutzten wir bei unserem letzten Berlin-Aufenthalt die inzwischen selten gewordene Möglichkeit, auch mittags Sterneküche zu genießen. Hatten vor wenigen Jahren noch viele der vom Michelin ausgezeichneten Häuser auch zum Lunch geöffnet, so sind es inzwischen nur noch das Fischers Fritz im Regent, Timi Raue und eben das Facil.

Das Mandala-Hotel gehört neben dem Ritz-Carlton in Wolfsburg und fast allen Dependancen der Rocco-Forte-Gruppe zu jenen Häusern, wo Feng Shui nicht nur eine hohle Phrase ist, sondern sich bereits beim Betreten des Hotels eine gewisse Entspannung einstellt, die sich auch auf das kulinarische Erlebnis überträgt.

Die Apéros im Facil im Hotel Mandala in Berlin
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Kulinarisch steigt Michael Kempf sehr rustikal ein und kredenzt uns Stullen mit Wollschwein-Leberwurst und Schnittlauch – unkonventionell, aber köstlich.

Die Bretonische Sardine ist der erste Gang von Michael Kempf im Facil in Berlin

Der Einstieg in das Menü ist dann eleganter und stimmig: Die bretonische Sardine ist von der Kombination aus Schalottentarte und Boskopapfel spannungsreich eingefasst und wird in ihrer kräftigen Aromatik gekonnt von den süßen und sauren Elementen gepusht. Viel besser kann man eine Sardine aus unserer Sicht kaum in Szene setzen.

Saiblingskaviar mit Buttermilchfond und Moor-Sieglinde als Zwischengericht bei Michael Kempf im Facil im Hotel Mandala in Berlin

Gegen einen solchen Einstieg hat es der zweite Gang naturgemäß schwer, und schwer ist dann auch das Stichwort für den Saiblingskaviar vom Ammersee: Der Buttermilchfond mit Moor-Sieglinde – übrigens die Kartoffel des Jahres 2010 – kann die Kaviarkügelchen nicht tragen, sie versuppen im wahrsten Sinne des Wortes. Rein geschmacklich bleibt das Gericht zwar sehr gefällig, lässt aber etwas Differenziertheit vermissen.

  • Die Fischgänge von Michael Kempf im Facil im Berliner Hotel Mandala.

Glücklicherweise holen uns die folgenden Fischgänge schnell aus diesem kleinen Tief: Zunächst sind es Rettich, Koriander und Wacholder, die dem Eismeerkabeljau eine erdig-würzige Note verleihen – schlicht eine perfekte Begleitung! Der Heilbutt mit Spreewaldgurke und Sauce Riche wirkt in seiner Komposition da nicht ganz so spannend, gefällt aber als Hommage an die Region und hebt mit der aromatischen Intensität der Produkte den Spannungsbogen hin zum ersten Fleischgang, …

Wollschweinschulter als Hauptgang bei Michael Kempf im Facil im Berliner Hotel Mandala.

… der Wollschweinschulter von Bauer Beute mit Kraut und Rüben. Hier erleben wir einen befriedigenden Moment fleischeslustigen Glücks: Saftig und butterweich, bräuchte dieses herausragende Stück Fleisch fast keinen Begleiter außer der sehr guten Jus. Kraut und Rüben in wohldosierten Proportionen lassen wir uns allerdings gefallen, da sie die ganz leicht herbe Note des Wollschweins stimmig aufgreifen.

Müritz-Lammherz als zweiter Hauptgang von Michael Kempf im Facil im Berliner Hotel Mandala

Erfüllt und gesättigt stellen wir uns mental bereits auf die Dessertgänge ein, als uns Michael Kempf noch einen Hauptgang zukommen lässt, der es in sich hat: Das Müritz-Lammherz mit Wintersalat und Sabayon von Blutorange ist ein äußerst schwerer Gang, der sich aus unserer Sicht auf Grund des Produkts sowie dessen ungewöhnlicher Aromatik nur für fortgeschrittene Esser eignet und deutlich von den ansonsten sehr harmonischen Gerichten differenziert.

Matcha-Tee als Dessert von Michael Kempf im Facil im Berliner Hotel Mandala

Gänzlich überzeugend dann wieder das Dessert von Matcha-Tee (pulverisierter grüner japanischer Tee), Kalamansi und Schokolade. Die leichte Fruchtigkeit der Zitrusfrucht und die Herbheit des Tees werden hier vom Schmelz der Schokolade gekontert – harmonisch und köstlich. Allein die Proportionen könnten noch ein wenig kleinteiliger sein, um den Geschmacksnoten in ihrem Zusammenspiel mehr Raum zu geben.

Petits Fours im Facil im Berliner Hotel Mandala
Petits Fours zur Weihnachtszeit

Fazit: Service und Atmosphäre fügen sich nahtlos in die hohe Qualität des Hauses, so dass das Facil aus unserer Sicht zu den führenden Adressen in Berlin gehört. Trotz kleiner Kritikpunkte bestätigt Michael Kempf mit diesem Menü, dass er nach seinem Konzeptwechsel seinen Küchenstil gefunden hat.

Michel Kempf und Souschef Joachim Gerner aus dem Facil im Berliner Hotel Mandala
Seit 2006 ein "Paar": Michael Kempf und Souschef Joachim Gerner

Facil im Hotel Mandala

Potsdamer Straße 3

10785 Berlin

+49 (30) 590051234

Website des Restaurants

Weinreise


Die Ente ist Wappentier für den Endtenfang in Celle

2007 Riesling Sekt Brut, Reichsgraf von Buhl, Pfalz

2010 Sauvignon Blanc, Weingut Philipp Kuhn, Pfalz

2009 Hattenheimer Wisselbrunnen, Riesling Kabinett, Weingut August Eser, Rheingau

2009 Stettener Stein, Silvaner Alte Reben, Weingut am Stein, Franken

2007 Barbera d’Alba "Vigna Preda", Cascina Adelaide, Piemont

2001 Ruppertsberger Reiterpfad, Scheurebe BA, Reichsgraf von Buhl, Pfalz

Fragen an den Suffmeister (a.k.a. Sommelier) Felix Voges


Anzahl der Positionen
ca. 450

Haben Sie einen besonderen Fokus bezüglich der Weinkarte?
Es ist eine europäische Weinkarte, weil wir es noch nicht mal schaffen, diesen Kontinent komplett abzubilden und weil wir nicht mehr Platz haben. Meine Philosophie ist dabei einfach: Wenn ich meine gewünschte Qualität zum vernünftigen Preis in der Nachbarschaft kaufen kann, dann tu ich das. Erst wenn ich etwas nebenan nicht finde oder etwas Außergewöhnliches entdecke, schaue ich in die Ferne.

Welche ist Ihre preiswerteste/teuerste Flasche?
Günstigste: 2007 Côte du Rhône, Guigal für 36,-.Teuerste: 2001 Le Pin für 2650,-.

Die ungewöhnlichste Rarität?
1989 Château Clinet, 11 Jahre auf der Karte - noch nie verkauft.

Welches ist Ihr meistverkaufter Wein der letzten 12 Monate?
2007 Barbera d'Alba "Vigna Preda", Cascina Adelaide.

Ihre Entdeckung der letzten 12 Monate?
2008 Blanc, Domaine de L'Horizon.

Ihr Lieblingswein? Weshalb?
Ich kann mir keinen Lieblingswein leisten. Es gibt Weine, Anlässe, Jahreszeiten, Gerichte, Gesellschaft...

Der ausgefallenste (vinophile) Gästewunsch, mit dem Sie konfrontiert wurden?
Kohlensäure aus dem Roséchampagner zu rühren, damit er besser zum Wild passt.

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