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Frischer Wind aus Londons Osten


Blick auf das Viajante von Nuno Mendes in London

Bekanntlich ist die kulinarische Szene Londons seit einigen Jahren sehr reich, insbesondere in Sachen ethnischer Küche lassen sich eine Menge Entdeckungen machen. Doch die Avantgarde hat in der britischen Hauptstadt bislang nur sehr vereinzelt Einzug gehalten. Man muss schon nach Bray ins Fat Duck fahren, um aromatische Experimente zu erleben.

Die EIngangstür des Viajante von Nuno Mendes im Londoner Eastend

Oder ins Londoner East End. Dort eröffnete im Jahr 2008 Nuno Mendes sein Restaurant Viajante. Der gebürtige Portugiese hat Lehrzeiten unter anderem bei Starkoch Wolfgang Puck im Postrio in San Francisco, im berühmten amerikanisch-mexikanisch geprägten Coyote Café in Santa Fe und bei Ferran Adria in Roses absolviert. Nach diesem bemerkenswerten Mix aus Stilrichtungen und Philosophien benannte er sein Restaurant: Viajante – Wanderer. In einem Interview beschrieb er seine Küche einmal als Mischung aus iberischen, asiatischen und lateinamerikanischen Einflüssen.

Das Lokal befindet sich in einem historischen Stadtteilrathaus, einem eindrucksvollen Prachtbau tief im Londoner East End. Noch vor einigen Jahren galt diese Gegend als nicht sonderlich gemütlich und noch weniger prestigeträchtig. Aber davon abgesehen, dass man auch hier mittlerweile keine Angst mehr haben muss, wenn man nach Mitternacht zur nächsten Busstation spaziert, passt dieser Grenzgang hervorragend zu Mendes' eigenwilliger Kulinarik.

Das Interieur des Viajante von Nuno Mendes im Londoner Eastend

Die Atmosphäre im lässig gestylten Gastraum ist betont entspannt, der Lautstärkepegel hoch. An den recht eng stehenden Tischen sitzen – und das haben wir selten in einem Gourmetrestaurant erlebt – vor allem jüngere Leute um die 30. Alle sehen auch in Jeans und T-Shirt gut und stylish, aber nicht affektiert oder rausgeputzt aus. Einen Dress Code gibt es sowieso nicht. Kurz: So stellen wir uns ein zeitgemäßes, urbanes Gourmetrestaurant vor.

Auch die Antwort auf die wichtigste Frage, nämlich wie es schmeckt, ist denkbar einfach: verdammt gut! Mendes folgt tatsächlich einer ganz eigenen Stilistik, die weder bei den Kombinationen noch bei der Präsentation angesagten Moden folgt. Keine aufgestellten Gemüse, kaum „Erd“-Brösel, keine Cremetupfer, kein Anrichten in einer Tellerecke oder der Fahne des Tellers. Tatsächlich sehen viele Gerichte eher unspektakulär aus. Dafür schmeckten fast alle Kreationen unseres zwölfgängigen Menüs originell und spannend – auch das ist selten genug.

Die Amuse von Nuno Mendes im Viajante in London
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Bereits die Amuses, darunter karamellisierter Amaranth mit Sauerampfer, Tintenfisch mit seiner Tinte und Birne sowie Langoustine mit geräucherten Enoki-Pilzen und Lardo, überzeugen als schmackhafte Lustmacher.

Erbensflan mit frischen Erbsen war die erste Vorspeisen im Viajante bei Nuno Mendes in London

Im Menü selbst begeistert uns gleich der erste Gang, ein herrlich süßlich-würziger Erbensflan mit frischen Erbsen – so einfach anmutend, so genial. Mit dieser Zusammenfassung lassen sich viele von Mendes' Kreationen beschreiben. Alles wirkt scheinbar simpel, erweist sich aber beim Verkosten als Ergebnis einer präzisen Feinabstimmung. Der gebürtige Portugiese beweist, dass keine unzähligen Komponenten nötig sind, um ein komplex schmeckendes Gericht zu schaffen.

Favabohnen mit chinesischem Yuba und Molke und weißer Spargel, in gebutterter Crème fraîche waren die Vorspeisen im Viajante bei Nuno Mendes in London

Favabohnen mit chinesischem Yuba und Molke und weißer Spargel, in gebutterter Crème fraîche gegart, scharf gegrillt und mit Gewürzbrot serviert, sind dafür hervorragende Beispiele: Beide Gerichte schmecken frisch und süffig, changieren zwischen Süße, Säure und feiner Würze.

Krabbendumplings mit gezupftem Krabbenfleisch und Strandkräutern als Zwischengang im Viajante bei Nuno Mendes in London

Bei der in Tranchen geschnittenen Plattauster mit Borlotti-Bohnen und Consommé und den Krabbendumplings (eigentlicher eher Gnocchi) mit gezupftem Krabbenfleisch und „Strandkräutern“ spielt er die kräftigen Meeresaromen nuancenreich aus, wenngleich die jodige Meeresintensität speziell bei den Krabben nicht jedermanns Sache sein dürfte.

Stockfischkutteln mit Zwiebeln und Kartoffeln als Fischgang bei Nuno Mendes im Viajante in London

An unsere Grenzen werden wir lediglich bei den Stockfischkutteln mit Zwiebeln und Kartoffeln geführt. Diese Modernisierung eines Klassikers der portugiesischen Volksküche finden wir texturell nicht stimmig (schmierig-weiche Kutteln und sehr weiches Zwiebelkompott) und in geschmacklicher Hinsicht zu zwiebellastig.

  • Geräucherte Ochsenmark mit Rinderbrühe und Morchel und Iberico-Schwein, mit Pekan-Mole-Jus, Lorbeerjoghurt und Maisbrot waren die Hauptgänge bei Nuno Mendes im Viajante in London

Ganz groß hingegen das geräucherte Ochsenmark mit Rinderbrühe und Morchel, bei dem eine geschmorte Frühlingszwiebel für den süßlichen Kontrapunkt sorgt. Aber auch der Fleischgang, Iberico-Schwein, mit Pekan-Mole-Jus, Lorbeerjoghurt und Maisbrot, kann voll überzeugen: Das kernige, dabei sehr zarte Fleisch bekommt durch die Jus einen sehr tiefen Geschmack, durch den Joghurt feinherbe Frische und durch das knusprige, zerbröselte Maisbrot und eine leichte Süße.

Rohe und eingelegte Gurke mit Eis von reduzierter Milch war das Predessert bei Nuno Mendes im Viajante in London

„Nuno ist nicht so der Dessert-Typ“, warnt uns dann unser sympathischer Kellner – eine hundertprozentige Flunkerei, denn bereits das Pré-Dessert, rohe und eingelegte Gurke mit Eis von reduzierter Milch, ist ein süßlich-vegetabiler, erfrischender Hochgenuss.

Topinambur, Schokolade und Blutorange war das Dessert bei Nuno Mendes im Viajante in London

Das Hauptdessert steht dem in nichts nach: Bei Topinambur, Schokolade und Blutorange nutzt Mendes die natürliche Süße der Erdfrucht, lässt aber auch ihre gemüsigen Noten zur Geltung kommen. Krosse Schokobrösel und Orange setzten fruchtig-herbe Akzente. Exzellent.

Nuno Mendes serviert nicht nur im Vergleich mit den eher konservativen Londoner Restaurants eine außergewöhnliche, sehr eigenständige Küche. Dabei wirkt kaum eine Kreation forciert modernistisch, vielmehr hat man das Gefühl, dass hier einer in erster Linie seinem kulinarischen Instinkt folgt. In Verbindung mit der angenehm entspannten Atmosphäre und dem humorvoll-lässigen Service wird ein Essen im Viajante zu einem Gesamterlebnis, das man am liebsten so schnell wie möglich wiederholen würde.

Nuno Mendes, der Besitzer und Chefkoch des Viajante in London

Fazit: Nuno Mendes begeistert mit einer originellen, stellenweise durchaus herausfordernden Autorenküche. Für London-Besucher ist ein Essen im Viajante ein klares "must".

Viajante London

Town Hall Hotel

Patriot Square

Bethnal Green, London

E2 9NF

+44 (0) 20 7871 0461

Viajante Website

Öffnungszeiten des Viajante in London

Weinreise


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Weingut Wirsching Iphöfer, Kronsberg Silvaner Kabinett 2010, Franken

Equipo Navazos, 'Navazos Niepoort' 2008, Jerez

Teruzzi & Puthod, 'Carmen Puthod' 2009, Toskana

Bründlmayer 'Kamptaler Terrassen', Grüner Veltliner 2010

Julia Kemper, Dao Branco 2010

Au Bon Climat, 'Wild Boy' Chardonnay 2009, Santa Barbara

Benjamin Leroux, Auxey-Duresses 2008

Azienda Agricola Frank Cornelissen, 'Contadino No. 7', Etna, Sizilien

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