HomeRestaurantkritik2013L'Atelier Robuchon, London

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Die französische Botschaft


Das Atelier Robuchon in London
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Mit sagenhaften 22 Michelin-Sternen ist Joël Robuchon der weltweit höchstdekorierte Chef. Allein 11 Macarons halten seine Ateliers, die mit ihrem Konzept der Auflösung der Grenze zwischen Küche und Bar nicht nur sehr nah am Puls der Zeit, sondern vermutlich die einzige funktionierende Kette im Sternebereich sind. Deren Anfang liegt im Jahr 2003, als Robuchon ein Projekt ankündigte, das etwas Informelles werden sollte und damit ganz anders als all das, was er bis dahin gemacht hatte: Eine Reihe von Restaurants, die weitestgehend einheitlich eingerichtet sind und in denen eine zugängliche und verhältnismäßig reduzierte Küche serviert wird.

Die Köche hinter der Theke im Londoner L'Atelier Robuchon

Dem Prinzip von Ketten folgend, sind Ambiente und Atmosphäre in den Ateliers tatsächlich weltweit sehr ähnlich. Das Interieur ist stets in glänzendem Rot und mystischem Schwarz gehalten, besteht aus einer zentralen Bar mit Theke, wenig Licht und vereinzelten Vitrinen, zu denen sich ein paar zusätzliche Tische gesellen.

Die Londoner Fililale befindet sich im Westend, mitten im quirligen Theaterdistrikt. Entsprechend herrscht ein ständiges Kommen und Gehen im Restaurant und nicht selten schauen die Gäste einfach für ein oder zwei Gänge vor dem Theaterbesuch herein. Damit herrscht trotz des einheitlichen Konzepts hier eine ganz andere Atmosphäre als im Pariser Atelier St. Germain - und nachdem wir dort ein etwas durchwachsenes Erlebnis hatten, waren wir auf den kulinarischen Vergleich mit London umso gespannter...

Kaviar mit Hummergelee und Blumenkohl-Creme als Amuse Gueule im Londoner L'Atelier Robuchon

Das Amuse, Kaviar mit Hummergelee und Blumenkohl-Creme, wirkt auf den ersten Blick sehr simpel, offenbart seine volle geschmackliche Tiefe aber beim beherzten Löffeln: Die perfekte Creme vom Karfiol ist die logische Fortsetzung des legendären Robuchon-Kartoffelpürees als Einstiegsdroge. In Verbindung mit dem intensiven Krustentiergelee und dem Kaviar entsteht eine geschmackliche Melange, die zum besten gehört, was wir als Gaumenkitzler bisher erlebt haben.

Knuspriger Kaisergranat mit Pistou-Salat als erster Gang im L'Atelier Robuchon in London

Beim Einsetzen des knusprigen Kaisergranats haben wir zunächst Bedenken, dass die Frittieraromen überbordend ausfallen könnten. Doch nicht so bei Meister Robuchon: Kross aber keinesfalls fettig fällt der ehemalige Meeresbewohner aus und findet im Pistou-Salat (Knoblauch, Basilikum und Olivenöl) einen schönen Begleiter. Fast schon unverschämt simpel, aber sehr gut.

Gebratene Jakobsmuscheln in der Schale mit Algen und Zitronengras als zweiter Gang im L'Atelier Robuchon in London

Über den folgenden Klassiker Gebratene Jakobsmuscheln in der Schale mit Algen und Zitronengras hatten wir schon des Öfteren Lobeshymnen gelesen, die wir jedoch nie so recht nachvollziehen konnten. So führen wir durchaus skeptisch den ersten Löffel mit einem Stück der stattlichen St. Jacques, etwas Alge und ein paar Tropfen des Suds zum Mund – und können die Begeisterung nun sofort verstehen: die fleischige Muschel erhält von den Algen eine elegante und vegetabile Jodigkeit, wird zugleich von der Cremigkeit des Suds und der Säure des Zitronengrases pointiert. Sensationell und die vielleicht beste kulinarische Umsetzung des japanischen Wabi-Sabi Leitsatzes: Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Magie – hier: Die Magie einer Götterspeise.

Pochiertes Ei in Rotwein mit wilden Pilzen als weiteres Zwischengericht im L'Atelier Robuchon in London

Ebenfalls reduziert aber aromatisch vollkommen anders ausgerichtet dann das pochierte Ei in Rotwein mit wilden Pilzen. Nach dem Anstechen des Eigelbs ergibt sich eine intensive, ungestüme Melange mit dem Wein und dem Umami der Pilze, die nicht bei allen Sternefressern am Tisch auf ungeteilte Zustimmung trifft. Streitbar, aber grundsätzlich gelungen.

Gebratene Gänseleber mit Rhabarber-Confit und Grenadine als weiteres Zwischengericht im L'Atelier Robuchon in London

Gemäß dem Motto „Es kann so einfach sein“ kommt die gebratene Gänseleber mit Rhabarber-Confit und Grenadine daher. Erneut haben wir es mit lediglich drei Komponenten auf dem Teller zu tun. Die langjährige Erfahrung Robuchons mit dem Atelier-Konzept erlaubt dem findigen Geschäftsmann eine Konzentration auf wenige Produkte, die sich wiederum skalieren und auf viele Filialen erweitern lässt. Selbstredend: Es bedarf hervorragender Küchenchefs in den Dependancen, die diese Philosophie mit dem Personalessen aufgesaugt haben und eigenmächtigen Experimenten weitestgehend aus dem Weg gehen. Und so auch hier: Der erprobten Kombination von Leber, dem Knöterichgewächs und dem Obst funktioniert perfekt und erneut ist es die Cremigkeit (dieses Mal der Leber), die uns für sich einnimmt. Wir müssen ad hoc an die bisher beste Leber unseres Lebens im Fat Duck (LINK) denken und ordnen diese gleich dahinter ein. Götterspeise Number two.

Wolfsbarsch mit Spinat und schwarzer Pfeffersauce als Fischgericht im L'Atelier Robuchon in London

Danach wird es schwer für den Wolfsbarsch mit Spinat und schwarzer Pfeffersauce. Zwar können wir hier eine schöne Fokussierung attestieren, jedoch gerät das Gericht durch die recht großen Spinatblätter und ein sinnloses Schäumchen aus der Balance.

Wachtel gefüllt mit Gänseleber als erstes Fleischgericht im L'Atelier Robuchon in London

„Back on track“ möchten wir nach dem Verspeisen der Wachtel aus Freilandhaltung, gefüllt mit Gänseleber und Kartoffelpüree der gut gelaunten Küchenbrigade zurufen. Die dezente Perversion aus Zeiten der königlichen französischen Hochküche, Federvieh mit den Innereien anderer Vögel zu füllen, kommt bei uns überaus gut an und auch das uns schon bekannte Kartoffelpüree wird seinem Ruf als köstliches Buttermonster gerecht. Kurz gesagt: Ein Teller nach unserem Gusto, der durch die fantastische Sauce abgerundet wird.

Iberico mit karamellisierter Endivie als weiterer Fleischgang im L'Atelier Robuchon in London

Beim Iberico mit karamellisierter Endivie und cremiger Polenta begeistert vor allem das Fleisch durch herausragende Qualität. Die Endivie liefert erfrischende Bitternoten, die Polenta süffigen Schmelz. Einzig den nicht identifizierbaren Chip hätten wir nicht gebraucht. Ein solider Gang.

Himbeere auf Mascarpone als erstes Dessert im L'Atelier Robuchon in London

Als visuell eindrucksvollstes Gericht des Menüs kommt die Himbeere auf Mascarpone mit schwarzen Früchten und Coulis "Calpico" daher. Von der Optik abgesehen fungiert die Kreation als gelungener Sorbet-Ersatz und liefert durch die Mischung der Komponenten süßsäuerliche Erfrischung vor dem eigentlichen Dessert.

Limetten-Käsekuchen als zweites Dessert im Londoner L'Atelier Robuchon

Auch beim Dessert geht die Küche kein Risiko ein und hält an der bewährten 3-Komponenten-Methode fest: Limetten-Käsekuchen mit exotischen Früchten und Basilikum-Sorbet. Der fluffige Käsekuchen erhält durch die Beimischung von Limette eine willkommene Säure und wirkt überraschend leicht; die vollreifen Ananas, Mango und Pfirsich sowie die kräutrige Schärfe des Basilikums bringen fruchtige Vollmundigkeit. Klassisch und großartig!

Gebäck zum Kaffee im L'Atelier Robuchon in London

Zum Kaffee gibt es lediglich Gebäck, wobei wir Petits Fours nach diesem Lunch auch nicht vermissen.

Olivier Limousin ist Küchenchef im L'Atelier Robuchon in London

Das Essen im Londoner Atelier beim dortigen Küchenchef Oliver Limousin war genau so, wie wir uns ein ideales Essen hier vorstellen: reduzierte, perfekt balancierte Gerichte, die nicht überfordern, bei aller scheinbaren Simplizität aber eine subtile Komplexität haben. Robuchons Küchenstil mag nicht (mehr) der innovativste sein, dennoch bleiben seine Standards und die Produktqualität auf höchstem Niveau.

Das Londoner L'Atelier Robuchon

Auch der Zeitfaktor ist in den Ateliers immens wichtig: das Tempo ist vergleichsweise hoch, wir verbrachten für dieses große Menu „nur“ knapp drei Stunden im Restaurant. Dennoch fühlten wir uns zu keinem Zeitpunkt gedrängt, sondern genossen die Vitalität im Service. Für ein romantisches Dinner for two eignet sich allerdings nur die relative Dunkelheit im Lokal...

Der Service im L'Atelier Robuchon in London

Der Service ist präsent, effizient und erfrischend – man meistert eine Gratwanderung zwischen Massengeschäft und individueller Betreuung der Gäste, der Small Talk wird allerdings auf ein Minimum beschränkt.

Das Interieur im L'Atelier Robuchon in London

Fazit: Eine sichere Theke in der quirligen Themse-Metropole – In seinem Londoner Atelier bringt uns Joël Robuchon mit seinem kulinarischen Klassizismus zum Schwärmen.

L'Atelier Robuchon London
13-15 West St London
Greater London WC2H 9NE, UK
+44 20 7010 8600
Die Website des Ateliers
Bewertungen: 2 Sterne (Michelin)

Weinbegleitung


Die Weinbegleitung im Londoner Atelier Robuchon

2011 Pouilly Fumé “La Demoiselle” Domaine Henri Bourgeois, Loire

2011 Riesling Réserve, Cave de Turckheim, Elsass

2009 Clos Dady, Sauternes

2008 Saint Aubin 1er Cru Les Castets, Maison Hubert Lamy, Burgund

2007 La Fleur Pomeaux Pomerol, Bordeaux

2009 Saint-Joseph “Les Royes”, Domaine Courbis, Rhône

2011 Jurançon ‘Uroulat’, Frankreich

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