HomeRestaurantkritik2013Kronenschlösschen, Hattenheim

Bewerten Sie diesen Artikel! Rating: 2.7/5 (total: 99)

Tischreservierung Kronenschloesschen

Ein neuer Zacken im Krönchen


Das Kronenschloesschen in Hattenheim im Rheingau
Bilder zum Vergrößern anklicken

Wir haben ja schon häufig davon berichtet, dass der Rheingau für einige von uns der Ursprung unserer kulinarischen Sozialisation ist. Neben den ersten Gourmet-Events und -Menüs – zum Teil noch im Kreise unserer Eltern – im "Grauen Haus" oder im Marcobrunn hauchten wir im Rahmen eines Essen in der Krone im Herbst 2005 feierlich unserer Website das Leben ein.

War der Rheingau (vor allem, wenn man Wiesbaden großzügig hinzuzählt) in den 1980er Jahren noch auf Augenhöhe mit dem Schwarzwald, so hat in der gesamten Region die kulinarische Qualität eher stagniert oder konnte zumindest mit den Weiterentwicklungen in anderen Regionen Deutschlands nicht Schritt halten. Ein kulinarischer Dreh-, Angel- und Anziehungspunkt ist dabei das Kronenschlösschen geblieben, das neben dem lohnenden Rheingau-Gourmet-Festival 20 Jahre lang unter der Leitung von Patrick Kimpel eine konstante, aber auch sehr klassische Küchenleistung zeigte.

Der Garten des Kronenschloesschens in Hattenheim im Rheingau

Nachdem Kimpel Anfang 2013 das Angebot aus dem Ketschauer Hof in Deidesheim angenommen hat und dort gastronomischer Geschäftsführer wurde, fasste sich Patron Hans Ullrich ein Herz und beförderte Souschef Sebastian Lühr zum Chefkoch. Wenngleich Lühr erst 33 Jahre jung ist, hat er mit dem Landhaus Scherrer, dem Steinheuers und zuletzt dem Vendôme doch durchaus beachtliche Arbeitsstationen hinter sich.

Die Aperos bei Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Die Kleinigkeiten, die uns zum Aperitif serviert werden, zeigen jedenfalls vom Rindertatar bis hin zur Hühnerhaut ein breites Aromenspektrum, das gut in Szene gesetzt ist. Überzeugen können diese aber vor allem in Kombination mit dem tollen Rieslingsekt von Georg Breuer, der einmal mehr unter Beweis stellt, dass es nicht immer Champagner zum Auftakt sein muss.

Gelbflossenmakrele als Amuse Gueule von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Das erste Amuse kommt in Form von Gelbflossenmakrele, Gurke, Rettich, Buttermilch und Meeresträubchen auf den Tisch – ein erfrischender und durchaus origineller Auftakt.

Gänsestopfleber als zweites Amuse Gueule von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Mit dem zweiten, ebenfalls sehr wohlschmeckenden Amuse, marinierte Gänsestopfleber, Langostino, Mais und Pfirsich, gelingt Lühr durch die Kombination von Leber und Pfirsich ein gekonnter Übergang zur ersten Vorspeise…

Schweinekinn mit Chinakohl als erster Gang von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

…dem Schweinekinn mit Chinakohl süß-sauer. Ohne die vorher geschickten Amuses wäre dieser Einstieg doch sehr wuchtig, so wirkt er als gefällige Abfolge im Kontext des Menüs. Das Schweinekinn ist als Produkt spannend und in der Umsetzung hervorragend gelungen. Auch die sanft asiatische Begleitung durch den Chinakohl wirkt positiv akzentuierend, statt zu dominieren.

St. Pierre mit Gemüse als zweiter Gang von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Nicht ganz nachvollziehbar ist die Positionierung des St. Pierre mit Gemüse, einem Escabeche-Sud und Bouchotmuscheln, der an dieser Stelle eine fehlplatziert wirkende "Leichtigkeit" in die Abfolge bringt. Das Gericht an sich darf man getrost in die Kategorie „nett, aber harmlos“ stellen.

Enten-Dim-Sum als Zwischengang von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Vermutlich wäre es kulinarisch sinnvoller gewesen, direkt zum Enten-Dim-Sum mit Entenleber und Champignons überzugehen. Die asiatische Teigtasche ist im klassischen Umfeld des urtümlichen Kronenschlösschens und der bisherigen Küche ein überraschender Einschub, der aber gekonnt an die ersten Gänge des Menüs, vor allem das Schweinekinn, anknüpft. Geschmacklich ist es herrlich süffig und voller kraftvollem Umami. Dieser Gang wirkt auf uns wie ein Prototyp für die Küche, die das Kronenschlösschen in Zukunft stärker betonen könnte, um im Rheingau wieder eine führende Stellung als Gastronomiehochburg einzunehmen.

Zuckererbsen-Gazpacho als Zwischengang von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Bei der Zuckererbsen-Gazpacho mit Melone und Wildgarnele gehen die Meinungen am Tisch auseinander: Für die einen stimmt zwar die Grundidee, in der Umsetzung aber fällt ihnen das Ganze zu süß und vanillelastig aus und wirkt beinahe wie ein Pré-Dessert mit Fischeinlage. Für die anderen ist es ein gelungener, fruchtig-frischer Einschub vor den Fleischgängen, der ähnlich einem Sorbet den Gaumen und die Geschmackssinne "freiräumt", durch die Garnele aber gleichzeitig als vollwertiger Gang funktioniert.

Taube mit Spitzkohl als erster Hauptgang von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Die Taube als erster Fleischgang hinterlässt in Kombination mit Spitzkohl und einer Crème aus Orangenschalen einen etwas zwiespältigen Eindruck. Weniger auf Grund der Umsetzung – die ist tadellos, und es schmeckt auch gut. Aber für einen sonnigen und warmen Spätsommertag wirkt uns die Kombination von Taube mit Kohlgemüse und Orange zu winterlich-schwer. Wir probieren gerne im Dezember nochmal.

  • Rehrücken in der Kakaobohnen-Krokantkruste als zweiter Hauptgang von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Der Rehrücken in der Kakaobohnen-Krokantkruste mit Himbeere und Petersilienwurzel hat grundsätzlich ein ähnliches Problem, aber die sehr gute Qualität und Zubereitung des Rehs lassen den Gang zu einem puren Genuss werden. Die Himbeeren setzen schöne fruchtige Akzente und gleichen mit ihrer leichten Säure die "dunklen" Kakaoaromen aus.

Fourme d`Ambert als Käsegang von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Der Käsegang, Fourme d`Ambert, Ananas und Belotaschinken, verbindet drei sehr markante Aromen, was zunächst etwas "schräg" schmeckt. Das diffuse Gefühl einer aromatischen Disharmonie bleibt zwar auch beim Nachschmecken bestehen, aber spannend und mutig finden wir die Kreation allemal.

Mango, Passionsfrucht und Vervene als Pré-Dessert von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Das Pré-Dessert, Mango, Passionsfrucht und Vervene, ist dann eine willkommene Erfrischung. Und köstlich ist sie noch dazu.

Beerenmüsli in Texturen als erstes Dessert von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Auch das erste Dessert, Beerenmüsli in Texturen, passt wunderbar zur sommerlichen Stimmung und besticht nicht nur durch die schiere Beerenqualität, sondern auch durch den texturellen Abwechslungsreichtum.

Banane, Schokolade und Kirsche als zweites Dessert von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Das finale Dessert, Banane, Schokolade und Kirsche, ist recht gehaltvoll, aber durch die Kirschsäure überraschend bekömmlich. Es schmeckt als Schokodessert gut, wenn auch eher klassisch und nicht so originell wie die beiden vorherigen Süßspeisen.

Die Petit Fours von Sebastian Lühr im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Für die Petits Fours zum Espresso haben wir dann leider keinen Platz mehr.

Die Küchenbrigade unter Sebastian Lühr im  Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau

Wenngleich nicht alles an dem uns servierten Menü perfekt war – so etwa bei der Feinjustierung einzelner Gerichte und der Platzierung innerhalb des Menüs – so ist auf jeden Fall zu spüren, dass Sebastian Lühr willkommene neue Stilrichtungen in die Küche des Kronenschlösschens bringt. Dass er das behutsam tun muss, um Stammgäste und Fans des Hauses nicht zu verprellen, führt natürlich zu einem Spagat, den man dem Menü an der einen oder anderen Stelle anmerken konnte. Hier wird es die Herausforderung für die kommenden Monate sein, feinfühlig an der Umsetzung zu arbeiten, um die Stärken und Qualitäten des neuen Küchenchefs vollends zur Geltung kommen zu lassen.

Der Service unter der Leitung von Helge Hagen agierte souverän und unaufgeregt. Nur hier und da waren wir bei allem Humor von einem gewissen Mangel an Distanz irritiert. In Sachen Wein spielt man sowohl den Heimvorteil der Region als auch die riesigen Raritätenschätze gekonnt aus.

Wir verlassen das Kronenschlösschen mit dem guten Gefühl, dass H.-B. Ullrich die richtige Entscheidung getroffen hat. Ein Hauch von Aufbruch und frischem Wind weht auf jeden Fall durch die alten Gemäuer.

Der Speisesaal des Kronenschloesschens in Hattenheim im Rheingau

Fazit: Frischer Wind im alten Haus – Ab sofort kann das Kronenschlösschen für jeden Gourmet auch außerhalb des Festivals wieder einen wichtigeren Platz in der Abendplanung einnehmen.

Kronenschlösschen

Rheinallee
65347 Eltville am Rhein
Telefon: +49 (6723) 640
Die Website des Restaurants

Bewertungen: 1 * (Michelin) / 7 Pfannen (Gusto) / 16 Punkte (Gault Millau)

Weinbegleitung


Die Weinbegleitung im Kronenschlösschen in Hattenheim

2006 Georg Breuer Brut

2011 Hochheimer Stielweg, Riesling „Alte Reben", Weingut Künstler

1998 Hattenheim Pfaffenberg, Riesling Spätlese, Weingut Graf von Schönborn

2009 Lorch Kapellenberg, Riesling Erstes Gewächs, Weingut Graf von Kanitz

1998 Ruppertsberg Gaisböhl, Riesling Großes Gewächs, Weingut Bürklin-Wolf

2007 Flattenheim Wisselbrunnen, Riesling Erstes Gewächs, Weingut Spreitzer

2012 Rüdesheimer Kirchenpfad, Riesling Kabinett fernherb, Weingut Leitz

2003 Assmannshäuser Höllenberg, Spätburgunder Auslese, Weingut Krone

1969 Rauenthaler Wieshell, Riesling Spätlese, Weingut Schloß Eltz

2008 Wehlener Sonnenuhr, Riesling Kabinett, Weingut Johannes Josef Prüm

1997 Kiedricher Gräfenberg, Riesling Spätlese, Weingut Robert Weil

2002 Assmannshäuser Höllenberg, Spätburgunder Weißherbst Eiswein, Weingut Krone

Fragen an den Suffmeister (a.k.a. Sommelier) Helge Hagen


Helge Hagen ist Maitre und Sommelier im Kronenschlösschen

Anzahl der Positionen
2800

Haben Sie einen besonderen Fokus bezüglich der Weinkarte?
Rheingau & Bordeaux

Welche ist Ihre preiswerteste/teuerste Flasche?
2007 Charta Riesling, Baron Knyphausen für 38€ und 1945 Lafite-Rothschild für 12000€.

Die ungewöhnlichste Rarität?
1937 Rauenthaler Trockenbeerenauslese, Staatsweingüter Eltville

Welches ist Ihr meistverkaufter Wein der letzten 12 Monate?
2011 Graf von Kanitz-Gutswein, Kabinett trocken, Weingut Graf von Kanitz

Ihre Entdeckung der letzten 12 Monate?
2006 Landgeflecht Riesling (2 Trauben), Weingut P.J. Kühn

Ihr Lieblingswein? Weshalb?
1997 Rüdesheim Berg Schlossberg, Riesling, Weingut Georg Breuer. Der Wein ist schlicht von vorne bis hinten komplett.

Der ausgefallenste (vinophile) Gästewunsch, mit dem Sie konfrontiert wurden?
Zuckerstreuer zum offenen Glas Spätburgunder! Schön süß.

Die Küchenbrigade

Sebastian Lühr (Küchenchef)
Jürgen Patschicke & Ryan Scholz (Sous Chef)
Sascha Krause (Chef-Patissier)
Sebastian Wagner
Maximilian Martin
Sebastian Böckmann
Jonas Berger
Anthony Parker
Marie Helmstetter
Nicholas Wagner
Nils Zaschke
Krisztian Lunarcsik
Mokhles Mourdiah

Das Serviceteam

Helge Hagen (Maître)
Erik Düsterhöft (Sommelier)
Jens Gleisner
Julian Kipfmüller
Ferdinand von Boeselager
Nadine Katzberg
Lars Fritsche
Malcom Monteiro
Anette Hagen
Ivetta Altenkirch
Marion Schran

 

Diese Artikel könnten Euch auch interessieren:


Weinsinn, Frankfurt
Villa Merton, Frankfurt
Margarete, Frankfurt
Zur Post, Odenthal

Tischreservierung Kronenschloesschen
Copyright © 2012 sternefresser Impressum |  Kontakt