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Tischreservierung

Das macht Sinn!


Das Interieur des Restaurants Weinsinn im Frankfurter Westend

In Frankfurt hat sich kulinarisch eine Menge getan. War die Main-Metropole vor einigen Jahren noch kulinarisches Ödland, gibt es inzwischen eine ganze Reihe wirklich lohnenswerter Restaurants. Die Bandbreite reicht vom eleganten Francais, über die italienische Spitzenküche von Carmelo Greco bis hin zu den innovativ-regionalen Kreationen in der Villa Merton.

Zu den interessanten Eröffnungen gehört auch das Weinsinn – zuhause in einem kleinen Eckhaus im eher gediegenen und ruhigen Westend der Stadt. Seit 2011 leitet hier André Rickert die Küche, der zuvor unter anderem bei Thomas Bühner und in Juan Amadors Amesa das nötige Handwerkszeug für die erste eigene Küchenchefstation gelernt hat.

Die Feierlichkeiten im Weinsinn zum ersten Stern im November 2012

Das Konzept des 'Weinsinn' war uns auf Anhieb sympathisch: Das Inhaber-Paar Milicia Trajkovska und Matthias Scheiber vereint hier ambitionierte Küche und erstklassige Weine in lockerer Bistro-Atmosphäre – und das zu moderaten Preisen. Einige Besuche im privaten Rahmen bestätigten den positiven Eindruck. Und siehe da: im Guide Michelin 2013 gab es prompt den ersten Stern – und somit Grund zum Feiern! Für uns ein willkommener Anlass, Rickerts Küche einmal unter die professionelle Lupe zu nehmen.

Der Toast Hawaii als Apero bei Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn
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Zum Champagner gibt es einen nett gemeinten, aber dann doch eher unspektakulären "Toast Hawaii"

Thunfisch, Blumenkohl und Curry als Amuse Gueule von Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

… gefolgt von einem hervorragenden Amuse Gueule aus Thunfisch, Blumenkohl und Curry: frisch, würzig und elegant.

Taunusforelle mit Belugalinsen, grünem Apfel und Schmand als erster Gang bei Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Der erste Gang unseres Menüs, Taunusforelle mit Belugalinsen, grünem Apfel und Schmand, punktet neben einem sehr guten Grundprodukt durch ein feines Spiel zwischen säuerlichen und würzigen Komponenten (Apfel, Gewürzgurke) und den "erdigen" Linsen. Der Schmand bringt Cremigkeit mit, das Eis eine schöne Frische. Sehr balanciert, sehr fein.

Heilbutt mit Erbse, Rote Bete und Speck als weiterer Zwischengang bei Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Danach kommt Weißer Heilbutt mit Erbse, Rote Bete und Speck auf den Tisch. Der Fisch gefällt durch seine aromatischen Röstaromen und die Garung, die zweierlei Gemüse sind angenehme, wenn auch eher unauffällige Begleiter, was gerade hinsichtlich der oftmals überdosierten Wucht der Bete gefällt. Die Erbsen hätten uns vermutlich in ihrer natürlichen Form statt dem Püree mehr Freude bereitet. Alles in allem ein solider, nur etwas blasser Gang.

Meeresfrüchteraviolo mit Spinat und Safran-Muschel-Sud als Zwischengericht von Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Ein Knaller hingegen der Meeresfrüchteraviolo mit Spinat und Safran-Muschel-Sud. Der Nudelteig genau in der richtigen Stärke, um geschmacklich und texturell präsent zu sein, aber ohne zu dominieren; die Meeresfrüchte darunter knackig und intensiv – und das alles in einem wunderbar "tief" schmeckendem Jus.

Unsere kleine Bouillabaisse von Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Es folgt "Unsere kleine Bouillabaisse", bestehend aus einem Stück Rotbarbe und einer Garnele – die beide zwar sehr gut, ohne den herzhaften Jus aber nur halb so schmackhaft wären. Dieser erinnert in seiner aromatischen Dichte durchaus an die legendäre Bouillabaisse von Juan Amador. Oder anders gesagt: diese mediterrane Meerestieressenz hat Suchtpotential.

Kalbsbries mit Sellerie, Champignon und Pumpernickel von Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Nicht ganz so stimmig danach das Kalbsbries mit Sellerie, Champignon und Pumpernickel. Davon abgesehen, dass wir Bries in knusprig gebratener Form am liebsten mögen, wird diese Kreation zu sehr von süßlich-erdigen und schweren Aromen dominiert. Zudem hat der Pumpernickel in Verbindung mit dem glasierten Bries eine leicht "klebrige" Wirkung. Mit etwas Säure als Gegenpol wäre hier schon viel getan.

Elsässer Perlhuhn, Wintergemüse und Périgord-Trüffeljus als erster Hauptgang von Andre Rickert im Weinsinn in Frankfurt

Mit dem Elsässer Perlhuhn, Wintergemüse und Périgord-Trüffeljus serviert Rickert dann einen spätwinterlichen Wohlfühlgang par excellence: Das Geflügel zart, dennoch bissfest und geschmacksstark, vom Jus unterstützt und von den Gemüsestückchen trefflich komplimentiert. Schlichtweg herrlich, wenngleich uns eine ältere Version dieses Gerichts mit halbflüssigen Eigelb und einer Parpadelle-Rolle noch etwas besser gefiel.

Tiroler Reh mit Rotkraut und Molejus als weiterer Hauptgang von Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Nicht weniger überzeugend das Tiroler Reh mit Rotkraut und Molejus. Das Reh ist einen Hauch zu weit gegart, aber butterzart, das Rotkraut hervorragend gewürzt und leicht knackig. Das Beste ist zweifellos der Molejus, der gemäß dem mexikanischen Original zwischen Würze, leichter Süße und dezenter Schärfe changiert. An dieser Stelle müssen wir festhalten, dass bislang praktisch alle Saucen des Menüs begeistern konnten – was wir selbst in höher bewerteten Häusern selten erleben.

À-part zum Hauptgang gibt es Kartoffelschaum mit Keulenragout bei Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Separat zum Reh gibt es einen grandios-fluffigen Kartoffelschaum mit herrlich mürbem Keulenragout.

Schottisches Lamm mit Karotte und Ingwer als letzter Hauptgang bei Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Der alternative Fleischgang, Schottisches Lamm mit Karotte und Ingwer, kontert den kräftigen Eigengeschmack des zarten Lammrückens mit der Süße der Karotte und der leicht scharfen Säure des Ingwers. Allein das Schmorfleisch ist etwas trocken und die "Sponges" steuern erwartungsgemäß geschmacklich nichts Nennenswertes bei. Dennoch: ein äußerst wohlschmeckendes Gericht, dessen Harmonie vielleicht einen Tick zu gefällig wirkt.

Nun sind wir endgültig reif für etwas Süßes...

Piña Colada als Pré-Dessert von Andre Rickert im Weinsinn in Frankfurt

...und das Pré-Dessert ist gleich herausragend: Rickerts Piña Colada dekonstruiert den Cocktail-Klassiker aufs Köstlichste. Wir hätten nicht gedacht, dass die altbewährte Kombination aus Ananas und Kokos so spannend und komplex schmecken kann.

Orange & Vanille Knödel, Safraneis und Streusel als Dessert von Andre Rickert im Frankfurter Weinsinn

Das Hauptdessert hält das Niveau spielend: bei Orange & Vanille Knödel, Safraneis und Streusel gelingt es der Pâtisserie, vertraute Aromenkombinationen ganz neu erscheinen zu lassen. Wie die Küchencrew das anstellt, können wir nicht sagen – das Ergebnis schmeckt jedenfalls wunderbar. Da gibt es Krosses, vollmundigen Schmelz, feine Süße und leichte Säure – exzellent.

Petit Fours im Frankfurter Weinsinn

Ein knusprig gehüllter Eis-Lolli bildet das einzige Petit Fours, wobei wir mehr zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr geschafft hätten.

Küchenchef André Rickert mit Dulal, dem "Spüler des Jahres" aus dem Frankfurter Weinsinn
Küchenchef André Rickert mit Dulal, dem "Spüler des Jahres" aus dem Frankfurter Weinsinn

Wir hatten vor diesem Besuch im Weinsinn durchaus hohe Erwartungen – und wurden dennoch überrascht. André Rickert schafft mit seinen Kreationen etwas, das nur wenige Köche hinbekommen: der Balanceakt zwischen Ambition und Publikumswirksamkeit. Seine Gerichte sind komplex genug, um Fressverrückte zu begeistern, und bleiben zugänglich genug, um auch Gourmet-Novizen nicht vor den Kopf zu stoßen. Obendrein dürften sich auch Stammgäste immer wieder gut unterhalten zeigen. Führt man sich dann noch vor Augen, dass in der Küche des Weinsinn gerade einmal drei Mann agieren, ist die Leistung noch bemerkenswerter.

Das Interieur im hinteren Bereich des Weinsinns in Frankfurt

In Verbindung mit dem retro-inspirierten und urbanem Ambiente, dem herzlichen Service, dem unprätentiösen Sommelier Jens Gabelmann und einem schier unschlagbaren Preis-Genuss-Verhältnis bildet das Weinsinn ein Musterbeispiel der "Bistronomic"-Szene – gäbe es davon doch nur mehr in Deutschland…!

Fazit: Originelle Sterneküche in lockerer Atmosphäre zu fairen Preisen – das "Weinsinn" macht vor, wie perfekt das funktionieren kann. Weiter so!

Kunst im Frankfurter Weinsinn

Weinsinn
Fürstenbergerstraße 179 (Ecke Leerbachstraße)
60322 Frankfurt am Main
+49 (0)69 56 99 80 80
Die Website des Restaurants

Bewertungen: 1* (Michelin) / 15 Punkte (Gault Millau)

Weinbegleitung


Die Weinbegleitung im Frankfurter Weinsinn

Champagne Jacquesson 735

2009 Riesling Spätlese trocken "Achat", A. Laible

2009 Chassagne Montrachet, Bernard Moreau

2006 Blanc Fumé de Pouilly, Michel Redde

2006 Tannhammer, Alois Lageder

2009 Spätburgunder Lorcher Kapellenberg, Chat Sauvage

2003 Blaufränkisch Mariental, Ernst Triebaumer

2003 Hallgartener Schönhell, Riesling Spätlese, Fürst zu Löwenstein

Fragen an den Suffmeister (a.k.a. Sommelier) Jens Gabelmann


Fragen an den Suffmeister

Anzahl der Positionen
ca. 275

Haben Sie einen besonderen Fokus bezüglich der Weinkarte?
D/A/F/I/E

Welche ist Ihre preiswerteste/teuerste Flasche?
2011 Weißburgunder Philipp Kuhn, 26 €
1982 Léoville Poyferré 495 €

Die ungewöhnlichste Rarität?
1983 Schloss Reinhartshausen, Erbacher Schlossberg, Riesling Auslese

Welches ist Ihr meistverkaufter Wein der letzten 12 Monate?
Chardonnay Hannes Reeh, Burgenland

Ihre Entdeckung der letzten 12 Monate?
Hirschhorner Hof, Neustadt-Königsbach, Pfalz
Riesling Buntsandstein

Ihr Lieblingswein? Weshalb?
Brunello im Caffè Fiaschetteria in Montalcino. Deshalb.

Der ausgefallenste (vinophile) Gästewunsch, mit dem Sie konfrontiert wurden?
Ein Gast, der nach einem 2000er Smith-Haut-Lafitte einen 2010er Sauvignon Knipser leert.

Galerie


  • Impressionen aus dem Weinsinn in Frankfurt

Das Team


Küche

André Rickert
Kilian Hepp
Sebastian Straub
Dulal (unser "bengalischer Brasilianer")

Service

Milica Trajkovska & Matthias Scheiber (Inhaber)
Wheena Kühnel
Jens Gabelmann (Sommelier)

 

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