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Die Speisekarte des Alinea in Chicago

Nur wenige Restaurants haben in den Jahren nach dem ersten medialen Boom um das El Bulli eine so konsistente und andauernde Aufmerksamkeit erfahren wie das Alinea in Chicago. Ohne besonders mutig zu sein, behaupten wir, dass es eines der ersten Restaurants ist, das einen fundamentalen Hype unter dem Radar aller kulinarischen Führer erlebt hat. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Guide Michelin bis 2010 in den USA auf die Metropolregionen der West- und Ostküste fokussierte. Dennoch galt das Alinea als "the Next Big Thing" – ein Status, welcher vornehmlich durch das World Wide Web gefüttert und getragen wurde. Aus der Flut der Bilder, Zitate und Blogeinträge und der damit verbundenen "kulinarischen Obsession" wurde allerdings schnell eine echte Reputation, die sich nicht allein auf der Persönlichkeit und Geschichte von Chef Grant Achatz gründet, dem es gelang, im Alinea eine avantgardistische Hochküche zu etablieren, die stilistisch eigen und dabei eingängig ist – und doch überrascht und bisweilen polarisiert.

Das Team um Achatz und seinen Partner Nick Kokonas hat mit dem Alinea aber auch ein Gesamtwerk geschaffen, bei dem mit einer Konsequenz die Einheit von kulinarischem Genuss und dessen Umfeld angestrebt wurde wie in keinem Restaurant zuvor. Was im El Bulli mit einer wechselnden und eigens geschaffenen Kollektion von Tellern und anderen Servierutensilien begonnen hat, haben die Macher in Chicago zu einem ganzheitlichen Konzept ausgearbeitet. Zusammen mit dem Designer Martin Kastner und den Architekten und Raumgestaltern Steve Rugo und Tom Stringer stimmten Achatz und Kokonas das gesamte Interieur des Restaurants, die Beleuchtung, die Teller und das Besteck in Form, Funktion, Ästhetik und Nutzwert auf die Küchenkreationen ab. Das inflationär propagierte "Form-Follows-Function"-Prinzip wurde zu "Form is Function" erweitert. Hierbei ist einem Detail besonderes Augenmerk zuteil geworden: der Menükarte. Als stiller Vermittler dient "The Menu" dem Gast als Wegweiser durch den kulinarischen Abend – es sagt im einfachsten Falle also, was es gibt. Design drückt sich hier meist "nur" aus im Layout, der gewählten Schriftart, des Materials und der farblichen Gestaltung.

  • Die Speisekarte des Alinea von Grant Achatz in Chicago

Das Design des Alinea-Menus geht über dieses Denkmuster weit hinaus. Es adaptiert den grundlegenden Aspekt des Wegweisers und setzt ihn in einer schnörkellosen und schlanken Designsprache um, deren zeitloser Ausdruck schlicht epochal ist. Eine moderne, unaufgeregte Typografie geht Hand in Hand mit einer eleganten Farbwahl und einem klaren Layout, welches von der Balance zwischen leerem und bespieltem Raum geprägt ist. Diese Basis ist verknüpft mit der Funktion eines kulinarischen Koordinatensystems, dessen gedachte „Nulllinie“ die salzige von der süßen Welt trennt. Die Speisen werden mittels eines Rings zwischen diesen beiden Polen verortet. Jeder Ring steht also für einen Gang bzw. eine Küchenkreation. Das Hauptprodukt derselben findet sich links neben dem Ring, während die Begleiter rechts platziert sind. Diesem Konzept folgend ist jedes Gericht für den Gast klar zuordenbar: Position und Größe des Rings lassen direkte Rückschlüsse auf die Art der Kreation zu. Je größer der Ring, umso größer ist die Portion und deren Bedeutung im Gesamtkontext. Je weiter der Ring von der „Nulllinie“ entfernt liegt, umso herzhafter oder süßer ist das Geschmackserlebnis. Die Ringe sind ein einfaches, aber wirkungsvolles Prinzip, welches sowohl funktional als auch ästhetisch überzeugt und als spezifisches Stilelement des Corporate Designs auch auf der Website etabliert wurde.

Fazit: Neben den Aspekten Materialität und Qualität ist es die Korrelation von kulinarischen Prinzipien und eleganter Ästhetik, die das Alinea-Menu zur herausragenden Designikone machen. Ein Umstand, der sich auch darin ausdrückt, dass das typische Formenspiel der wellig angeordneten Ringe – oder Bubbles – in den vergangenen Jahren so oft kopiert worden ist wie kaum ein anderes gestalterisches Element auf einer Menükarte zuvor.

  • Das Alinea von Grant Achatz in Chicago
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